25. Die alte Schmiede

 

Erinnerungen an eine alte Familientradition

Seitdem vielerorts ein geradezu fieberhaftes Bestreben aufgeblüht ist, Zeugen der Vergangenheit aufzuspüren, sie zu pflegen und der Nachwelt zu erhalten, sind zahlreiche Bauwerke und Kunstgegenstände „entdeckt“ und vor der Zerstörung gerettet worden. Erfreulicherweise dehnt sich auch der interessierte Personenkreis immer mehr aus, so dass altes Kulturgut besser geschützt werden kann als je zuvor. Eines der – gewiss nicht wertvollen, für die Geschichte der Stadt Eupen jedoch besonders markanten – Gebäude ist seit Anfang 1975 von der Bildfläche verschwunden, weil es einem der modernen Wohnsilos weichen musste. Vielen ist sie kaum aufgefallen, die alte Schmiede an der Judenstraße, wo ein heller Klang von Hammerschlägen über dreihundert Jahre lang den Rhythmus des Lebens bestimmt hat. Ihre alten, robusten Mauern verrieten den Passanten mit keinem Zeichen die ehemals gemächliche Betriebsamkeit in einem der eigentümlichsten Viertel der Stadt. Die Einheimischen gingen gedankenlos vorüber, weil jeder die nichts sagende, graue und verrußte Fassade kannte und nichts Aufregendes daran zu finden vermochte. Erst ein Blick in den staubigen und schummerigen Innenraum ließ erahnen, dass man an dieser Stelle einem harten und aussterbenden Handwerk und einer inhaltsreichen Vergangenheit auf der Spur kam.

 

Von Generation zu Generation

Um die fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts entstand auf der Judenstraße eine Schmiede, primitiv eingerichtet und von einem Mann namens Mattar geführt. Er begann an dieser Stelle ein Handwerksgeschäft, da angesichts der vielen Pferde in der näheren Umgebung in kürzester Zeit florierte. Aus der damaligen Zeit ist nur noch wenig über die Tätigkeit in diesem Haus bekannt. Fest steht nur, dass die Schmiede vom Vater auf den Sohn über viele Generationen vererbt wurde und seit ihrem Bestehen im Familienbesitz blieb. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – soweit kann sich die heutige Generation noch erinnern – war die Judenstraße die Hauptverkehrsader Eupens, das Zentrum des Dorflebens, weil sich dort die Fuhrleute trafen, ihre Pferde beschlagen oder einen Pferdewagen anfertigen bzw. ausbessern ließen und gleichzeitig das Gesellschaftsleben bestimmten.

 

Alles in Handarbeit

Zu dieser Zeit waren drei Brüder, außerdem ein Schwager und ein Stellmacher dort beschäftigt. Sie kamen den zahlreichen Aufträgen kaum nach, obgleich sie morgens beim ersten Sonnenstrahl schon in der Schmiede standen und abends ihre Schatten noch im Schein der Tran- oder Petroleumlampe an den Fenstern vorbeihuschten. Sie waren alle Meister ihres Fachs und kannten sich in ihrem Beruf ebenso aus wie im Umgang mit Pferden. Ihre Arbeit beschränkte sich nicht allein auf die Schmiede im engsten Sinne, sie waren gleichzeitig ausgezeichnete Pferdekenner, Tierpfleger und fast Ärzte. Auch beherrschten sie das Schreinerhandwerk und waren in jedem Fall lustige Gesprächspartner.

Alles wurde von Hand gefertigt : die Hufeisen, das Werkzeug, Radbeschläge, Karrengestelle, die großen Holzräder, die Speichen und Naben, eben alles, was zu Pferd und Wagen gehörte. Auf einer uralten Drechslerbank, die von zwei Arbeitern mit einem Schwungrad betrieben wurde, entstanden die Einzelteile für einen Pferdewagen. Bei dieser manuellen Herstellung benötigte man allein für zwei Wagenräder zwei Wochen – heute wäre das eine Arbeit für wenige Stunden. Bis weit hinein in die Judenstraße standen die reparaturbedürftigen Wagen, die angesichts des mühsamen und langsamen Arbeitsvorganges längere Zeit für den Bauern oder Fuhrmann entbehrlich sein mussten. Die Vielzahl der Aufträge und die rund 20 zu beschlagenen Pferde pro Tag ließen die Stellmacher und Schmiede in ihrer Arbeit fast ersticken.

Das Rohmaterial bezog man aus Aachen. Werkzeuge, Nägel und Hufeisen wurden selbst angefertigt. Zwei abgeschlissene Hufeisen ergaben nach fachmännischer Behandlung ein neues! Die Radbeschläge wurden von Hand geschnitten, in zwei großen Feuern erhitzt und dann auf das bereits fertig gestellte Rad gepresst.

Die Hufgröße aller Pferde aus der näheren und weiteren Umgebung war dem Schmied bekannt, und rundherum hingen die entsprechenden Eisen – nach Maß gefertigt – an den Wänden. Geschmiedet wurde in einem durch Kohle geheizten Feuer, das zunächst durch einen handbetriebenen Blasebalg und später von einem Zylindergebläse aufrechterhalten wurde. Die meiste Arbeit gab es im Winter, wenn die Hufgriffe, das vorstehende Ende des Hufeisens, im Eis schneller verschlissen als sonst und jeden Tag neu geschliffen werden mussten. Heutzutage ist das durch die eingesetzten Stollen nicht mehr notwendig.

Die Kunst des Beschlagens bestand darin, die richtige Stelle für den Nagel zu finden und das Pferd nicht zu verletzen. Da alles heiß geschmiedet wurde, war die Verletzungsgefahr vielfach größer, zumal wenn das Eisen nicht genau passte. Die Wandung des Pferdehufes ist nicht dicker als 5 Millimeter, und in diese Wandung wurden die Nägel hineingetrieben. Auch das ist heute vereinfacht, denn Eisen und Nägel werden jetzt „kalt“ angebracht.

Der Tagesablauf eines Schmiedes war ebenso vielseitig wie reizvoll. Allein die kleinen Geschichten am Rande füllten bereits einen großen Teil des Lebens aus .Auch damals wurde bereits möglichst rationell gearbeitet, gemessen an den zu dieser Zeit gültigen Begriffen. Eine große Verdienstspanne gab es nicht; oft sahen die Schmiede statt Bargeld lieber eine Flasche Schnaps, die ein großzügiger Kunde mitbrachte und die dann sogleich geleert wurde… Rechnungen wurden nur einmal im Jahr geschrieben.

 

Ausgezeichnete Pferdekenner

Lambert Mattar, ein nicht mehr als Schmied tätiger Sohn aus der traditionsreichen Familie, dessen Bruder Mathias als letztes Glied in dieser Kette in der Schmiede tätig war, erinnert sich noch sehr gut an die Zeit vor und nach dem ersten Weltkrieg. Mathias und dessen Vater verstanden sich nicht allein auf das Schmieden, sie wurden auch oft um Rat gebeten, wenn es galt, ein neues Pferd zu kaufen oder ein Tier zu pflegen .Zu den Arbeiten in der Schmiede gehörten auch das „Zu-Ader-lassen“, die Pflege von Wunden oder das Schwanz-Beschneiden. Gemeinsam mit den Bauern oder Fuhrleuten besuchte der Schmied die Pferdemärkte von Tongern, Maastricht oder in Deutschland und gab vor seinem Kauf sein meist entscheidendes Urteil über das fragliche Tier. Sein Urteil hatte vor allem deshalb Gewicht, weil man sich auf den Sachverstand des Schmiedes verlassen konnte.

Mittelpunkt des Lebens

Im Stadtbereich Eupen gab es um die Jahrhundertwende bis nach dem ersten Weltkrieg mehr als ein Dutzend Schmieden; wichtigste unter denen war die auf der Judenstraße, wo sich das Gesellschaftsleben Eupens abspielte. Hier traf sich die halbe Stadt, denn hierhin kamen die meisten Fuhrleute aus der Umgebung, die natürlich immer Neuigkeiten zu erzählen wussten. Während die Pferde beschlagen wurden und die Kunden warten mussten, blieb genügend Zeit zu einem gemütlichen Plausch, wobei die obligate Flasche Branntwein die Runde machte.

Die Schmiede war auch der Treffpunkt der Kinder aus der Nachbarschaft, denn im tiefen Staub des verqualmten Raums amüsierten sie sich am besten. Die Arbeiter störte das nicht, im Gegenteil, sie hatten ihre Freunde an dem lustigen Völkchen. Ein weiterer Anziehungspunkt für die Kinder war neben der Schmiede ein privater Tierpark mit Hunden, Ziegen, Katzen, Eichhörnchen und anderen Viechern. Gelegentlich durften die Knirpse auch „mitarbeiten“, beispielsweise den Blasebalg ziehen oder am staubigen Boden die Nägel aufsammeln. Bei dieser Gelegenheit mischte auch hin und wieder ein „geschäftstüchtiger“ Kunde mit, der die aufgelesenen Nägel dann in die eigene Tasche steckte .Diese „Kunden“ kannte der Schmied natürlich unter allen anderen und machte sich eine teuflische Freude daraus, unauffällig einige Nägel aus dem Feuer zu nehmen und sie unter die anderen zu streuen. Anschließend wartete er nur noch auf den Augenblick, da der „Sammler“ sich an dem heißen Metall die Finger verbrannte…

 

Autos verdarben das Geschäft

Während vor 1900 eigens ein Nagelschmied benötigt wurde, um den Bedarf am Nägeln zu decken, und neben Meister Mattar noch mehrere Gehilfen bzw. Stellmacher voll beschäftigt waren, leitete die zunehmende Motorisierung des Straßenverkehrs einen schlagartigen Rückgang des Geschäftsleben auf der Judenstraße ein. Pferdewagen waren kaum noch gefragt, der Pferdebestand (in Blütezeiten über 400 allein in Eupen!) nahm ab, die Kundschaft schrumpfte dementsprechend zusammen. Autos wurden für die Fuhrleute lohnender.

Nach dem ersten Weltkrieg gab es anstelle von von Pferden noch Zugochsen, die gleichfalls beschlagen wurden, nach und nach aber ebenfalls der Modernisierung durch Kraftfahrzeuge weichen mussten. Für die Erhaltung des Berufszweiges in der Schmiede sorgten die reichen Besitzer von Reitpferden sowie die Waldarbeiter, die für die Schlepparbeiten auch weiterhin auf die stämmigen Gäule nicht verzichten konnten. Unterdessen wurden in den fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein absoluter Tiefpunkt im Pferdebestand erreicht, bevor der Reitsport einen neuen Aufschwung erlebte und Ende der siebziger Jahre wieder mehr als 300 Tiere im Eupener Stadtgebiet gehalten wurden.

Inzwischen hatte der Schmied auf andere Beschäftigungen umgesattelt, beispielsweise auf Kunstschmiedearbeit oder Reparaturen an Werkzeugen oder Metallgegenständen. Aber davon konnte dieser einst blühende Betrieb nicht leben, und so starb mit dem Tod von Mathias Mattar gleichzeitig eine über dreihundert Jahre alte Tradition, an die inzwischen nicht einmal mehr der Standort erinnert. Ein Stück romantische Vergangenheit ist verschwunden, auf nimmer wieder.