39. Der Schuster vom Berg

Geboren wurde Karl Willems, der Schuster „va bater gen Bärreg“, am 18. Januar 1915 in der unteren Bergstraße als zweiter von drei Söhnen der Eheleute Nikolaus Willems und Barbara Theves. Später wohnte die Familie in der unteren Neustraße, wo er eine schöne Kindheit verbrachte. Mit 14 Jahren begann er eine Schuster- und Schuhmacherlehre bei seinem Onkel Nikolaus Theves in der oberen Bergstraße, zu einer Zeit, als in Eupen noch 35 Schuster tätig waren. Er liebte seinen Beruf und eröffnete 1934 eine eigene Schusterwerkstatt auf dem Rotenberg, gegenüber der Pferdetränke im Ortsteil „än Tebaten“. 1940 heiratete er Fini Engels aus dem Bellmerin. Nach Kriegsende zogen Karl und Fini um, in den Ortsteil „bater gen Bärreg“. Dort richtete im Haus Am Berg 46 seine Schusterwerkstatt ein. Er liebte es, sich mit seinen Kunden zu unterhalten und war um keine Jeckerei verlegen. Auch Kinder brachten ihm gerne Schuhe zum Flicken, weil er immer zu Späßen aufgelegt war. Er schenkte ihnen alte Gummiabsätze für das „Hickhäuschen-Spiel“ oder machte zu Karneval den kleinen Cowboys Pistolentaschen und malte ihnen eine Schnauzbart aus hartnäckiger Lederschwärze ins Gesichtchen, der, zum großen Leidwesen der Mütter, nach am Aschermittwoch zu sehen war.

Schon in seiner Jugend hatte Karl gerne Sport getrieben. Er gehörte seit 1923 der Turnerriege des Jünglingsvereins an. Später war er in der Turn- und Sportvereinigung (TSV) als Turnwart tätig. Das Turnen am Reck war seine Leidenschaft. In dieser Disziplin gewann er etliche Preise. 1960 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Eupener Leichtathletikclubs (LAC), für den er sich als Vizepräsident sehr engagierte.

55 Jahre lang, bis zu seinem Tode war er begeisterter Sänger. Er war Mitglied im Kirchenchor an St. Nikolaus, dem er viele Jahre als Präsident vorstand. Er war ein tiefgläubiger und auf Gott vertrauender Mensch. Er ließ weder eine Chorprobe noch sonntags das Hochamt aus. Gerne organisierte er für den Chor Weihnachtsfeste mit Theateraufführungen oder Turnerriegen und Büttenreden bei Karnevalsfesten. Spaß und Religiosität wurden stets kombiniert.

Ein weiteres Hobby war der Fastovend. Schon in seiner Jugend war dieser ein fester Bestandteil seines Lebens. Als Straßenkarnevalist zog er mit den Nachbarn vom Rotenberg und der Bergkapellstraße durch die damals noch zahlreichen Eupener Wirtschaften. Er spielte Mandoline, seine Freunde „Kwéttschbüül“ und Gitarre. Immer hatte er passende Liedchen parat, um die Leute zum Lachen zu bringen. Mit dem Quartett »De veer Aunderbotze« wurde er überall eingeladen, um besonders das Liedchen »Hott Ööpe än Ihre« vorzutragen, das im Volksmund besser als »De Värkesvott« bekannt ist. Aus dieser kleinen Gruppe entstand die Karnevalsgesellschaft „Berger Block“. In den 1950er und 1960er Jahren baute er mit seinem Bruder Klaus, seinen Vettern Peter und August Mennicken und Hein Rennertz schöne Karnevalswagen. An allen vier Karnevalstagen war die lustige Truppe mit ihrem Gefährt im Eupener Straßenkarneval unterwegs.

Nun zu seiner nächsten Leidenschaft: Das Theaterspielen. Schon vor 1940 spielte er Theater im Jünglingsverein und bei Kirchenchorfesten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitglied der „Theaterfreunde“, erst als Schauspieler, später als Präsident. Seine Vorliebe für die Eupener Mundart brachte er in mehreren Theaterstücken zum Ausdruck, wovon er einige selbst geschrieben hat oder vorhandene ins Öüpener Platt übersetzte. Zu nennen wären z.B. „Et gruet Lott“ und „Dr Schuster Lenn“. Auch für Hochzeiten, Geburtstage und Klassentreffen schrieb er Gedichte in Hochdeutsch oder auf Platt. Nach seinem Tode fanden die Erben ein kleines Tonband, das er mit all seinen Gedichten besprochen hatte, als Erinnerung für seine Enkel. Die Stadt Eupen brachte 1989 ein Buch mit diesen Gedichten und Liedern heraus. Später wurde dann eine CD hergestellt mit dem Titel „Hott Öüpen än Ihre“.

1958 ging Karl Willems in die Gemeindepolitik: Zunächst bei der CSP, dann bei der Bürgerliste „Stadtinteressen“ (SI). Auf Ebene der Gemeinschaftspolitik war er Mitgründer der PDB. Von 1959 bis 1977 war er Präsident des Öffentlichen Sozialhilfezentrums. In seiner 18-jährigen Amtszeit wurde das alte Waisenhaus am Rotenberg abgerissen und ein neues Alten- und Pflegeheim gebaut. Am Limburger Weg entstanden die fünf Kinderhäuser.

Kurz vor seinem Tode, am 27. März 1986, verlieh die Stadt Eupen ihm die August-Tonnar-Plakette als Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zur Pflege und Erhaltung des Eupener Brauchtums.