40. Der Aussichtsturm am Moorenhügel

Man zählte das Jahr 1909. Dr. jur. Joseph Rütgers war Stadtoberhaupt. Sein Vorgänger, Theodor Mooren, hatte aus Eupen eine grüne Stadt gemacht. Überall, wo sich nur die Gelegenheit bot, hatte der „Baumtheodor“ Bäume und Sträucher anpflanzen lassen. Die großen Volksfeste, vornehmlich die Waldfeste, hatten ihr Ziel erreicht: Viele zogen jetzt wieder an Sonn- oder Feiertagen hinaus in Gottes freie Natur.

So war es denn auch nicht verwunderlich, dass man nach Moorens Tod neue Wege suchte, um die Schönheiten der Eupener Landschaft und vornehmlich seiner großen prächtigen Waldungen der hiesigen Bevölkerung und den Kurgästen immer näher zu bringen.

So kam es, dass man sich in der Eupener Stadtratssitzung vom 6. August 1909 mit der Errichtung eines Aussichtsturmes auf der Judenstraße am Moorenkopf befasste. Zur Diskussion standen zwei Projekte, eins aus Eisen und das andere aus Holz.

Eine Eisenkonstruktion würde zwischen 2000 und 3000 Mark kosten, dagegen eine aus Holz und Beton nur 900 Mark. Der Vorstand des Verschönerungsvereins hatte sich erboten, einen Beitrag zu Verwirklichung dieses Projektes in Höhe von 400 Mark zu leisten. Der Verkehrsausschuss, so hieß es, möchte im nächsten Jahr seinen Beitrag leisten, im Augenblick ist er nicht dazu in der Lage, da die Herausgabe seiner Schrift „Der Luftkurort Eupen, geschildert von einem Kurgast“ und der „Pharuskarte“ seine Kasse vollständig geleert hat.

Der Vorschlag, die Stadt möge zum bevorstehenden Turmbau einen Zuschuss leisten, stieß im Stadtparlament auf heftigen Widerspruch. So war es nicht verwunderlich, dass man den Turmbau aus Eisen mit der Begründung „zu teuer“ verwarf. Der Lokalreporter der damaligen Zeit schreibt über das Holzbauprojekt: „Selbst der Genehmigung zur Überlassung des Holzes von der abgebrochenen Brücke im Pang wurde durch den Beigeordneten Peters widersprochen. Diese wurde aber erteilt mit 10 gegen 6 Stimmen. Ein Geldbetrag seitens der Stadt wurde nicht bewilligt.“

Stadtverordneter Peters hatte noch weitere Bedenken gegen die Errichtung des Aussichtsturmes, da nach seiner Ansicht der Turm auch abgeschlossen werden müsste, weil sonst jede Woche „mindestens ein Kind von oben herunter fiele“. Die gleichen Bedenken hatten die Herren Becker und von Asten. Stadtverordneter Gilles wies darauf hin, dass auch ein „Automatverschluss“ angebracht werden könne, „der nach Entrichtung eines Obolus sich öffne“.

In dieser Sitzung einigte man sich auf die Höhe des zu erhebenden Betrages für die Ersteigung des Aussichtsturmes. Der Bürgermeister hatte 20 Pfennig vorgeschlagen, die Versammlung stimmte aber für 10 Pfennige.

Kurz darauf begann man mit dem Bau des Aussichtsturmes auf der Judenstraße. Am 11. September 1909 stand dann folgende Lokalnachricht in der Tagespresse: „Auf der Judenstraße erhebt sich schon der neue Aussichtsturm. Er wird wohl für Sonntag, den 19. diesen Monats, wenn die Generalversammlung der Cäcilienvereine hier stattfindet, bestiegen werden können. Wie versichert wird, soll die Aussicht vom neuen Turm großartig sein: Man kann ganz Eupen überschauen. Dazu reicht der Blick über die weite Gegend.“

41. Erinnerungen an einen Eupener Aussichtsturm

An mehreren Tagen vor der Freigabe des Holzturmes veröffentlichte Bürgermeister Rütgers nachstehende Bekanntmachung: „Der vom Städtischen Verkehrsausschuss errichtete Aussichtsturm an der Judenstraße kann von Sonntag, dem 19. dieses Monats, an bestiegen werden. Die Besteigung ist nur gegen Lösung einer Karte beim Turmwärter, Herrn Viktor Kreusch, zulässig. Kinder haben nur in Begleitung Erwachsener Zutritt. Einzelkarte: 20 Pfg. 1 Dutzend Karten 1,20 Mark. Mehr als 30 Personen dürfen den Turm nicht gleichzeitig besteigen.“

Der erste Tag der Turmbesteigung durch die Bevölkerung sollte auch Anlass zu verschiedenen Festlichkeiten geben. Für morgens 11.30 Uhr war unter der Haas ein Kurkonzert des Harmonie-Musikvereins vorgesehen. Am Tag vor der Einweihung schrieb der Lokalreporter in den „Eupener Nachrichten“: „Hoffentlich ist das Wetter morgen günstig. Wir machen darauf aufmerksam, dass die einzige Gelegenheit, einmal ganz Eupen überschauen zu können, nur mittels des Aussichtsturmes geboten ist. Zu einem Fesselballon oder zu einem Luftschiff, von dem aus die Aussicht zu genießen wäre, haben wir es noch nicht gebracht. Wir wollen es begrüßen, dass der Verkehrsausschuss uns einstweilen den Turm erbaute. Der städtische Verschönerungsverein hat zu den Erbauungskosten, den hohen Betrag von 400 Mark bewilligt.“

Sonntag, 19. September 1909, sollte also der Tag der Einweihungsfeierlichkeiten werden. Das Wetter war aber sehr schlecht und eignete sich absolut nicht zum Besteigen des Turmes. Das Kurkonzert der Harmonie unter der Haas fiel aus, und der Cäcilienchor von St. Joseph, der mit seinen Sangesbrüdern aus dem Dekanat den Turm besteigen und dann in luftiger Höhe ein Liedchen zum Besten geben wollte, konnte sein Vorhaben auch nicht verwirklichen. Der Regen war an allem Schuld. Alle Festlichkeiten wurden abgesagt. Am darauffolgenden Montag war das Wetter besser; einer der ersten „Gipfelstürmer“, der vom Turmwärter Kreusch ein Fernrohr erhielt, schildert sein Turmerlebnis wie folgt:

„Mit einem Feldstecher, den mir der Turmwärter freundlich mitgab, habe ich die Ausschau genossen, und ich empfehle Dir ebenfalls einen Besuch des Turmes. Zwar ist er 16 Meter hoch, doch Du überzeugst Dich, dass er fest und stark gebaut ist, die Stufen sind bequem, wie Du die einzelnen Terassen ersteigst, so wird der Blick weiter und weiter, bis oben hoch – ein Gefühl des Schwindelns überkommt Dich nicht – Du den weiten herrlichen Rundblick genießest! Warum hat der Verschönerungsverein zu den Kosten des Baues 400 Mark beigetragen? Wohl zunächst in Anerkennung der Bestrebung zur Hebung des Fremdenverkehrs, dann aber auch deswegen, weil der Turm Gelegenheit dazu gibt, die ganze Schönheit der Stadt einmal zusammengefasst zu bewundern. Dabei durfte der Verschönerungsverein nicht fehlen. „Oben flattern die Fahnen. Die vier Holzstangen werden vielleicht nochmals eine weitere Bekrönung des Turmes zu tragen haben. Gefällig und schlank steht er da: hoffentlich wird er nicht allein von den Einheimischen, sondern recht oft von den fremden Besuchern bestiegen. Denn Eupen ist ja Kurort und Sommerfrische, es soll viele Gäste anziehen. Möge in Zukunft der Turm ein Haltepunkt zahlreicher Ausflügler sein.

Doch die Ausflügler, Sommerfrischler und auch die Eupener selbst müssen neben dem Blick auf Naturschönheiten auch andere Dinge beachten: alles kostet Geld, auch das Besteigen eines Aussichtsturmes. Darum sei ausgedrückt, dass der Zutrittspreis von 20 Pfg. vielen etwas hoch erscheint. Gemildert wird die Sache allerdings dadurch, dass Kartenblocks zu ermäßigtem Preise verkauft werden; aber man darf überzeugt sein, dass der Besuch viel zahlreicher sein wird, wenn der Zutritt – besonders jetzt anfänglich – zu geringerem Satz gestaltet ist; obwohl es ja anderswo Türme gibt, die keine solch schöne Aussicht wie die hiesigen bieten, zu denen das Besteigungsgeld nicht höher wie hier angesetzt ist.“

42. Aussichtsturm

Es stand auch einmal auf der Judenstraße unweit der Kapelle ein Aussichtsturm. In der Stadtratssitzung vom 6. August 1909 diskutierten die Stadtverordneten die Errichtung eines Aussichtsturms auf der Judenstraße am „Moorenkopf“. Der Vorschlag, die Stadt möge zum Bau einen Zuschuss leisten, fand lebhaften Widerspruch. Es wurde darauf hingewiesen, dass man der Feuerwehr einen festen Turm versagen musste, wegen der schlechten Finanzlage der Stadt und man somit geschweige Geld für einen Aussichtsturm habe. Schließlich genehmigte man die Überlassung des Holzes der abgebrochenen Weserbrücke am Pang.

Bürgermeister Dr. jur. Joseph Rütgers (1905-1913) berichtete ferner wie der Verkehrsausschuss unter Benutzung der großen Feuerwehrleiter auf der Moorenhöhe einen Gesamtrundblick über die Stadt genossen haben, wie man ihn sonst nirgends finden kann.

Der Turm wurde von vielen Eupenern und auch Fremden bestiegen, jeder wollte Eupen einmal „aus der Luft“ sehen oder einen Fernblick zum Venn werfen. Ganze Schulklassen zogen mit ihren Lehrpersonen dorthin, und nicht selten war diese Turmbesteigung ein beliebtes Aufsatzthema. Oben auf der Plattform des Turmes fiel immer wieder der Ausspruch: „De Utsecht hei es fin. Su fin we a gene Rhin“.

Aus dem Holz der Brücke am Pang wurde der Aussichtsturm auf der Judenstraße zwischen dem 12. und 19. September 1909 fertiggestellt. Viereckig an seinem Fuß, verjüngte er sich nach oben zu einer überdachten, abgestumpften Pyramide. Treppen im Innern führten zu den Plattformen. Von hier aus erfreute man sich eines einzigartigen Panoramas. Der schöne Aussichtsturm auf der Judenstraße wurde von vielen Eupenern und auch Fremden bestiegen. Jeder wollte Eupen einmal „aus der Luft“ sehen oder einen Fernblick zum Venn werfen. Ganze Schulklassen zogen mit ihren Lehrpersonen dorthin, und nicht selten war diese Turmbesteigung ein beliebtes Aufsatzthema. Der Schlüssel der Turmtür wurde beim Turmwächter Kreusch aufbewahrt. Er hing an einem Brett in der Küche, und die damalige Jugend erfand immer wieder neue Tricks, um „Krüsche Fin“ abzulenken und in den Besitz des Schlüssels zu gelangen. Eine Gratisbesteigung des Turms war immer ein besonderes Ereignis für die Jugend.

Im Krieg 1914-1918 wurde allen Zivilisten der Zugang zum Turm verboten. Er diente nur mehr militärischen Zwecken. Große Fernrohre auf der oberen Plattform ermöglichten einen weit größeren Ausblick „nach dem Feind“. Nach dem Krieg verschwand dann der Turm so plötzlich, wie er gekommen war. Das Holz der Brücke am Pang war morsch geworden, und der Turm drohte zusammenzubrechen, der Abbruch des Aussichtsturmes oberhalb der Moorenhöhe konnte nicht mehr aufgehalten werden. Zehn Jahre hatte Eupen einen Aussichtsturm.

 

Malakoff

ursprünglich volkstümlicher Name für die Moorenhöhe. Malakoff war eine Festung vor Sewastopol, die im Krimkrieg 1855 von den Franzosen erobert wurde. Am Haasberg ließ der Verschönerungsverein ab 1883 Erdaufschüttungen vornehmen, um eine Aussichtskanzel zu schaffen. Der Hügel wurde von den Eupener "Malakoff" genannt. Später erhielt die durch Mauern befestigte Kanzel den Namen "Moorenhöhe".