2. Woher kommt eigentlich der Name ‚Bergviertel‘?

Dort, wo die Neustraße auf den Olengraben trifft und die Bergkapellstraße mit dem Rotenberg zusammenkommen, hieß es früher : „änn te baate“. Diese alte Bezeichnung für das schon früh besiedelte Viertel bei diesen Straßenkreuzungen war nicht nur im Volksmund gegeben, sondern erscheint auch schon in verhochdeutschter Namensform in den Niederschriften aus dem 17. bis 20. Jahrhundert (1622 „Batenberch“, 1725 „die Baten, Batenberg“, 19. Jahrhundert „in Thebaaten, Thebaten“). Was bedeutet diese eigenartige Bezeichnung?

Unsere Vorfahren gaben schon in frühester Zeit der Erhebung , die den ursprünglichen Ortskern (die Oberstadt) vom Ortsgebiet „unter der Haas“ (die Unterstadt) trennte die einfache Bezeichnung „der BERG“. Sie benannten die Ortslage an seinem Fuße „a gene Berrech“ (Am Berg), den höher gelegenen Teil „op gene Berrech“ (auf dem Berg). Aus ihrer Sicht lag demnach das Ortsviertel der unteren Bergkapellstraße und des oberen Rotenbergs „Hinter dem Berg“. Sie brachten das mit der Benennung „Baate gene Berrech, d‘r Baate, Thebaaten, Batenberch“ zum Ausdruck. Wir sehen, die Ortsviertelbezeichnung „Te Baaten“ ist gar nicht so eigenartig!


24. Heute ein paar Aufnahmen aus den 'Kindertagen' des Bergviertels...


44. 275-Jahr-Feier Bergkapelle

Vor 30 Jahren wurde das 275jährige Bestehen der Bergkapelle mit einem großen Viertelfest gefeiert. Am 4. Oktober 1987 traf man sich zum Bergerfest rund um die Bergkapelle und auf dem Gelände der französischen Schule. Viele ältere Anwohner werden sich noch gerne daran erinnen, sicher beim Lesen des Artikels aus dem Grenz-Echo hier unten...


50. Die Entwicklung des Quartiers Berg und Haas

In der Geschichte unserer Stadt erscheint die Herrlichkeit Eupen seit ihrem Bestehen als eine den ganzen Ort umfassende Einheit. Nur bei der Wahl der Bürgermeister finden wir eine Aufteilung in drei Wahlbezirke. Sie erscheinen in den Akten manchmal als Quartiere, manchmal auch als Kompanien oder Kapitänschaften. In jedem Quartier wurden zunächst neun Bürger, die sogenannten Neunmänner, gewählt. Die Neunmänner der drei Quartiere wählten dann unter sich die vier Bürgermeister unserer Stadt.

In der Oberstadt finden wir die Quartiere Kirchstraße und Gospert. Beide gehen in ihrer Begrenzung vermutlich auf die alten Lat- oder Lehenshöfe zurück. Das Quartier Kirchstraße dürfte aus dem Stockem-Eupener Lathof, das Quartier Gospert aus dem Frambacher Lathof entstanden sein.

Anders ist es mit dem Quartier Berg und Haas. Der dritte Eupener Lathof, St. Marien, war nur zu einem kleinen Teil auf dem Gebiet Eupens gelegen. Er umfaßte einen großen Teil des Grundbesitzes in der Gemeinde Membach und reichte in einer auslaufenden Spitze bis an das Eupener Bergviertel heran. Zu ihm gehörten, die Bergstraße hinaufgehend, die Häuser auf der rechten Seite, vom Gut Looten angefangen bis zur Bergkapelle, dann weiter auf der rechten Seite die Bergkapellstraße abwärts bis zum Rotenberg. Die linke Seite der Bergstraße ab Iberngasse und das ganze übrige Bergviertel gehörten nicht zu einem Lathof, sondern zum Gebiet des Hertogenwaldes, der in frühesten Zeiten wohl bis hierher gereicht hat. Der Hertogenwald war seit Bestehen des Herzogtums Limburg herzoglicher Besitz und nicht als Lehen vergeben. So kam es, dass die Ansiedler in diesem Gebiet ihre Siedlungserlaubnis direkt vom Herzog erhielten und auch nur ihm gegenüber abgabepflichtig waren.

Der Bach, der seit 2017 vor dem Haus Bergstraße 19 wieder sichtbar geworden ist, bildete einst die Grenze zwischen den Sektionen A (Kerckstraet) und B (Bergviertel). Das wurde erst 1873 geändert, als die Stadtverwaltung beschloss, die Straßen der Stadt genau zu begrenzen, mit Namensschildern zu versehen und die Nummerierung der Häuser straßenweise durchzuführen.

Allmählich dehnte sich das Bergviertel nach Süden aus und auch die Abhänge zur Unterstadt wurden nach und nach besiedelt, bis schließlich die Ansiedlung die Talsohle, die Haas, erreichte. Ein Blick auf eine Militärkarte aus dem Jahre 1762 gibt uns eine Vorstellung von der Entwicklung des Bergviertels im Laufe der Jahrhunderte. Die Karten hier unten stammen aus den Jahren 1762, 1777, 1803, 1850, 1930 und heute und zeigen dass sich das Bergviertel lange Zeit auf Am Berg, Bergstraße, Tebaten, Bergkapelle, unterer Teil der heutigen Judenstraße und Haasberg beschränkte. Aus dem Jahr 1930 stammt auch eine der ältesten Luftaufnahmen der Stadt. Man erkennt am oberen Bildrand, dass das heutige Ibernviertel noch gänzlich unerschlossen ist.

Über die Entstehung des Namens Haas gibt es keine gesicherten Angaben. Wir neigen dazu, diesen Namen aus der ursprünglichen Beschaffenheit des Geländes herzuleiten. Der Ortsname Haas weist auf ein Gelände an einem Hang hin, das mit niederem, gestrüppartigem Pflanzenwuchs bestanden ist. So können wir uns auch den Haasberg in ältester Zeit vorstellen. Der Bergabhang, den wir heute unter dem Namen Haasberg kennen, hieß in früheren Zeiten einfach „die Haas“.

Erst nachdem die Bedeutung des Namens verloren gegangen war, nannte man es Haasberg und verdoppelte damit unbewusst den Begriff.


53. Geschichten aus dem Eupener Bergviertel


56. Rückblick auf die Jubiläumsfeiern zum 300jährigen Bestehen der Bergkapelle


93. Brunnen im Bergviertel

Im Jahre 1833 berichtet Bürgermeister von Grand Ry dem Landrat, Herrn von Scheibler, dass die Stadt bereits vier öffentliche Pumpen und zwei laufende Fontänen hat, die eine auf dem Marktplatze, die andere auf der Klötzerbahn.

1840 sind bereits zwölf Brunnen oder Pumpen in Betrieb: am Berg, hinter den Häusern von H. Lecomte, im Wirth, am Berg, oberhalb der Wwe. Reul, in der Holundergasse, in Tebaten, im Haasberg bei Havenith, auf dem Kaperberg bei Dessonay, in der Hisselsgasse, in der Borngasse, in der Judenstraße und in der Eselsgasse, Ecke Judenstraße und eine im Werthplatz (man bemerke: die meisten dieser Brunnen oder Pumpen befanden sich im Bereich ‚des Berg‘).

Zeigte sich irgendwo und irgendwann ein „Sprung“ auf öffentlichem Boden, versucht man, die Quelle zu fassen, um eine Pumpe aufzustellen und so wenigstens einem Teil der Bevölkerung sauberes Wasser zu verschaffen.

 

Im Jahr 1885 finden wir in den verschiedenen Sektionen der Stadt u.a. :

eine Pumpe „Am Berg“, gegenüber dem Hause Nr. 54 (dort wo sich heute die Häuser Nr. 44 und 46 befinden), mit Sicherheit bereits 1862 dort;

eine Pumpe „Bergstraße“, hinter dem Hause Nr. 42 des Metzgers Martin Schlembach (jetzt Haus Nr. 40);

eine Pumpe „Bergstraße“, an dem Hause Nr. 58 des Mathias Vise (das heutige Haus Nr. 66), 1885 an das durch das Gässchen von diesem getrennt liegende Hintergebäude verlegt;

eine Pumpe „Bergstraße“, der Wirtschaft Raaff, dem Hause Nr. 90 gegenüber (heute das Kolpinghaus Nr. 124), wegen Gesundheitsgefährdung 1902 geschlossen;

eine Pumpe „Bergstraße“, am Hause Nr. 135, oberhalb der Wohnung von Martin Emonts, Schlossermeister und Eisenwarenhandlung (die heutige Ecke Bergstraße/Bergkapellstraße, etwa bei den Häusern Nr. 139/141), 1902 geschlossen;

eine Pumpe „Bergstraße“, unterhalb des Kammstrickers Joseph Mattar, Haus Nr. 115 auf den Looten;

eine Pumpe „Neustraße“, dem Hause Nr. 73 des Fuhrmanns und Wirten Nahoe gegenüber – an anderer Stelle heißt es „an der Böschung des Collard‘schen Gartens“ (heute etwa die Mitte zwischen der ehemaligen Buchhandlung Reuter und der Ecke Bergkapellstraße), 1902 geschlossen;

einen Schöpfbrunnen „Rotenberg“, in der Wiese The Losen (in den Ettersten), 1874 Hondsburg (Hondsborn?) genannt;

einen Schöpfbrunnen „Hisselsgasse“, am Hause Nr. 71 des Heinrich Kaldenbach (heute etwa Haus Nr. 69);

einen Schöpfbrunnen „Holundergässchen“ beim Bierkeller des Aloys Körfer (am Ende der heutigen Borngasse), bereits 1881 geschlossen;

eine Pumpe „Haasberg“, vor dem Hause Nr. 11 der Geschwister Miessen (etwa heute bei den Häusern Nr. 15/17), bereits 1862 erwähnt;

einen Schöpfbrunnen „Haasberg“, dem Hause Nr. 31 des Hubert Pönsgen gegenüber (das jetzige Haus Nr. 41);

einen Schöpfbrunnen „Judenstraße“, dem Hause Nr. 29 gegenüber (am Aufgang zur Moorenhöhe), 1902 geschlossen;

einen Schöpfbrunen „Judenstraße/Edelstraße“, die Ecke…, an der Wiese des Franz Homburg;

eine Pumpe „Olengraben“, vor dem Hause Nr. 2 des Bäckers August Brandenberg (auch heute noch Haus Nr. 2), 1862 aufgestellt, 1902 geschlossen.

 

Pferdetränke

Ein Brunnendenkmal im wahrsten Sinne des Wortes war die vom Bildhauer Christian Stüttgen 1908 geschaffene „Pferdetränke“ „ä Tebate“ (Rotenbergviertel). Wenn dieser Laufbrunnen auch nicht der menschlichen Trinkwasserversorgung diente, erfüllte er doch den löblichen Zweck als Tiertränke. Zumal zu jener sogenannten guten alten Zeit das Pferd im Eupener Verkehrswesen die Hauptrolle spielte. Den Auftrag zur Schaffung dieses Brunnendenkmals erhielt Christian Stüttgen vom „Eupener Verschönerungsverein“ im Jahre 1908. Zwei Jahre später stand der Brunnen. Leider hat dieses Brunnendenkmal in Eupen nur ein kurzes Bestehen erleben dürfen. Als Kraftfahrzeuge das Pferdefuhrwerk zu ersetzen begannen, entfernte man aus unerklärlichen Gründen den Laufbrunnen schon im Jahre 1934. Wie sehr ein solcher Brunnen als Pferdetränke angebracht war, versteht nur der, dem die früheren Verkehrsverhältnisse bekannt sind. Vierspännig, manchmal sogar sechsspännig zogen Pferde die schweren Holztransporte den Olengraben hinauf. Des öfteren mussten sogar bei der letzten Steigung des Olengrabens noch zusätzlich Pferde vorgespannt werden. Mit diesen Pferden kamen die Fuhrleute das kleine Gässchen von der Oe zum Olengraben hinauf und spannten sie an. Die Tiere waren dann heilfroh, im Brunnen in Tebaten der eingemeißelten Inschrift „Diese Gabe zur Labe“ Folge leisten zu können.

Von den Anliegern, die die alte Pferdetränke noch gekannt hatten, wurde der Wunsch geäußert, diese dort wieder aufzustellen. Doch außer vier Originalsteinen mit Abbildungen von Pferde- und Hundeköpfen war nichts von Stüttgens Jugendstilbrunnen übrig geblieben. Als Eupen dann 1992 auserkoren wurde, Belgien beim internationalen Blumenwettbewerb zu vertreten, war dies der Auslöser, die Wiederherstellung der „Pärdsdränk“ ernsthaft anzugehen. Nach alten Fotografien fertigte das städtische Bauamt Konstruktionspläne an und beauftragte das auf Betonguss spezialisierte Unternehmen Blanc de Bierges aus Wavre mit dem Nachbau des Brunnendenkmals.

Am 10. August 1992 konnte die aus weißem, gebürstetem Beton hergestellte neue Pferdetränke auf dem Rondell ä Tebate aufgebaut werden.


95. Die Haasprozession

Neben der Dreifaltigkeitsprozession von der Bergkapelle zum Kapellchen im Laschet, der Bittprozession zum Gnadenbild der Lieben Frau von Luxemburg im Waisenbüschchen sowie der Fronleichnamsprozession, die aber traditionell eher der Oberstadt zugeschrieben wird, ist die sogenannte Haasprozession die vierte Prozession, die regelmäßig das Bergviertel bzw. die Bergkapelle ‚aufsucht‘. Diese Pfarrprozession von St. Josef zieht alljährlich zum Kirchweihfest an St. Josef aus; dies immer am Sonntag nach Mathias, dem 21. September. Bis 1974 gab es drei sogenannte „alte Wege“, die abwechselnd von der Prozession begangen wurden:

1. zur Bergkapelle und zurück,

2. zur Hütte und zurück,

3. zur Monschauerstraße und zurück.

Ab 1974 wurden auch die neuentstandenen Wohnviertel Ibern, Selterschlag, Obere Rottergasse und Binsterweg, Mettelenfeld und Stockbergerweg sowie das Altenheim St. Josef, der Limburger Weg und Am Waisenbüschchen abwechselnd mit den „alten Wegen“ von der Haas-Prozession berührt.

 

Die Haasprozession im Jahre 1897

Im Jahre 1897 sollte die Pfarrprozession von St. Josef zum zweiten Male seit Gründung der Pfarre wieder über öffentliche Wege gehen. Wie dies sich abspielte, lesen wir in den drei nachstehenden Artikeln.

Eupen, 13. Juli. - In der Haaskirche wurde am Sonntag von der Kanzel verkündigt, dass die seit der Errichtung der St. Josefspfarrkirche nur einmal ausgegangene und nachher auf das Innere der Kirche beschränkte Pfarrprozession für die Folge wieder öffentlich stattfinden darf. Zur Abhaltung der Prozession ist der Sonntag nach dem 22. September festgesetzt. Der Weg, den dieselbe nehmen soll, wird noch näher bestimmt.

Eupen, 21. September. - Die Pfarrprozession von St. Josef, welche bisher nur ein einziges Mal, und zwar am 28. September 1873 stattfand, in Zukunft aber wieder regelmäßig ausgehen darf und für dieses Jahr auf Sonntag, den 26. September festgesetzt ist, wird folgenden Weg nehmen: Haasstraße, Haasberg, Bergkapellstraße, Olengraben, Haasstraße, Schilsweg, Hütter Wiese, Hütte, Haagen, Bellmerin, Schilsweg. Der erste Segen wird unter der Haas am Kreuz, der zweite an der auf dem Bergplatz zu liegenden Seite der Bergkapelle, der dritte im Schilsweg (unweit des Kreuzes vor dem Lenssenschen Hause), der vierte auf der Montjoierstraße an dem Hause Klinkenberg-Roderburg gespendet. Nach der Rückkehr zur Kirche wird ein Tedeum gesungen und der Schlusssegen erteilt.

Eupen, 28. September. - Dank dem herrlichen Wetter konnte sich die Pfarrprozession von St. Josef am vorigen Sonntag in vollem Gepränge entfalten. Die Pfarreingesessenen hatten alles zur Verherrlichung des Tages aufgeboten. Allerwärts prangten die Häuser in Flaggen-, Blumen- und Bilderschmuck, und der größte Teil der Straßen, durch welche die Prozession sich bewegte, war durch Laubgewinde etc. in einen Festweg umgewandelt. Die Beteiligung an der Prozession war großartig; der Vorbeizug dauerte nicht weniger als eine halbe Stunde und gewährte namentlich von den umliegenden Berghöhen, wo sich zahllose Menschen angesammelt hatten, ein prächtiges Bild. Der gewählte Weg hat sich bewährt, denn trotz seiner Windungen kam es nirgens zu einer störenden Kreuzung. Das am Nachmittag vom Cäcilien-Gesangverein von St. Josef, der Franssenschen Musikkapelle und der St. Josef-Bürger-Schützengesellschaft in der Festwiese der Herren Gebr. Carbin veranstaltete Wohltätigkeitskonzert zum Besten der Haas-Pfarrkirche war von wenigstens 1000 Personen besucht und gestaltete sich zu einem wahren Volksfest. Das Fest, an dem auch eine Anzahl Geistlicher teilnahmen, verlief ohne jede Störung.

Das »Correspondenzblatt des Kreises Eupen« veröffentlichte einige Tage vor Auszug der Prozession die Aufstellungsordnung. Aus ihr ersieht man, dass das Vereinsleben in der Unterstadt damals in voller Blüte stand. Hier der offizielle Ordnungsplan: 1. Schulkinder in doppelter Reihe; 2. Frauen und Jungfrauen, ebenfalls in doppelter Reihe; 3. Arbeitergesangsverein; 4. Das Waisenhaus und die Versorgungsanstalt; 5. Die Marianische Jungfrauen Congregation von St. Joseph; 6. Der Harmonie-Musikverein; 7. Der Jünglingsverein; 8. Der Gesellenverein; 9. Die Voß´sche Kapelle; 10. Der Concordia-Gesangsverein; 11. Die Bogenschützen von St. Johannes-Enthauptung in Nispert; 12. Die St. Nikolaus-Bürgerschützen-Gesellschaft; 13. Der Gesangverein Amicitia aus Nispert; 14. Der kaufmännische Verein; 15. Die Marianische Männer-Congregation von St. Joseph; 16. Die Constantia; 17. Bürger mit Fackeln; 18. Spalier bildet der Kavallerie-Verein; 19. a) Die St. Johannes-Bürger-Schützen-Gesellschaft und b) Die St. Joseph-Schützengesellschaft mit den Engeln in der Mitte. Aufstellung a) und b) zwischen dem Kavallerie-Verein; 20. Die Franssen´sche Kapelle; 21. Der Cäcilien-Gesang-Verein von St. Joseph; 22. Die Chorknaben; 23. Die Geistlichen; 24. Das Sanctissimum; 25. Die Mitglieder des Kirchenvorstandes, der Gemeindevertreter und Honoratioren, 26. Die Klosterbruderschaft; 27. Der Infanterie-Verein; 28. Der Tobias-Verein; 29. Gesang-Verein »Liedertafel«; 30. Der christlich-soziale Arbeiter-Verein; 31. Männer und Jünglinge, die keinem Verein angehören.


97. Straßen- und Verkehrswesen im Bergviertel

Der Mittelgebirgsausläufer, hier kurz „der Berg“ genannt, der den oberen Stadtteil Eupens vom unteren trennt, war seit jeher wegen Höhenunterschieds stark verkehrsbehindernd gewesen. Ausgefahrene, verschlammte Karrenwege führten darüber hinweg. Erst der Staatsstraßenbau Eupen-Montjoie 1846 und die damit verbundene Anlage der Neustraße brachten eine Erleichterung für die Fuhrleute.

Seitlich davon bildete jener „Berg“, der wegen seines rotschieferhaltigen Bodens den Namen „Rotenberg“ trug, weiterhin eine Verkehrsbehinderung. Von den Häusern am oberen Rotenberg (Tebaten, Waisenhaus) verlief für die Fußgänger ein kleiner Weg durch die Etterstenwiesen hinab zum Bach, wo ein Steg über denselben auf den Weg nach Stockem führte. Fuhrwerke mussten einen ähnlich verlaufenden Karrenweg nehmen, der durch den Bach führte.

Schon gleich nach seiner Wahl zum Eupener Bürgermeister (1850) veranlasste Peter Becker, auf die Etterstenwiese die städtische Schutterde anfahren zu lassen, um einen Damm für die spätere Straße aufzuschütten. Tausende und Abertausende Karren Erdaushub sind in der Folgezeit aufgeschüttet worden, bis der Höhenausgleich erreicht war. Als dann 1874 der Straßenbau begann, war nur noch das Straßenbett zu legen und eine feste Brücke über den Bach zu bauen.

Um ins Oetal mit seinen zahlreichen Fabriken zu gelangen, gab es bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur kleine, meist von den Fabrikanten selbst angelegte Wege von Tebaten über die Teichgasse (Oeberg) oder über die private „Hüffergasse“ entlang des Waisenbüschchens hinab. Vom mittleren Olengraben führte zwar noch das sogenannte „Feygässchen“ in das Oetal, doch war die Benutzung desselben für ein Fuhrwerk schon ein riskantes Unterfangen. Von der Haas her konnte man zwar durch die sogenannte „Jauchegatz“ ebenfalls in die Oe gelangen, doch dieses war für den Fuhrverkehr ziemlich schmal. Erst durch den Bau der Landstraße nach Dolhain änderte sich dieser Zustand.

Bereits 1834 reifte der Beschluss, Eupen mit Monschau durch eine Fernstraße zu verbinden. Diese Planung kam aber erst 1844 zur Ausführung. Nach zweijähriger Bauzeit wurde die neue Straße am 10. Mai 1846 dem Verkehr übergeben.

Sie wurde als Staatsstraße erbaut und brachte gleichzeitig große Veränderungen im Eupener innerstädtischen Verkehr. Im Rahmen dieses Straßenbaus entstand die Eupener Neustraße , die den bisherigen Fuhrverkehr über die steile Bergstraße erheblich erleichterte. Der Olengraben, der wie sein Name besagt „ein Hohlgraben“ war, wurde zur Straße ausgebaut.

Im Jahr 1849 wurde die obere Bergstraße zur besseren Höhenüberwindung tiefer gelegt. Die sich heute noch dort befindenden Stützmauern erinnern daran.


98. Hausweber im Bergviertel

Begonnen hatte die Eupener Tuchmanufaktur mit der Zuwanderung flämischer Weber im 14. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert bestand der Hauptgewerbebetrieb in Eupen noch in der Tuchfabrikation. Ende 1852 gab es in Eupen 22 Wollspinnereien mit 781 Arbeiter, sowie 21 Tuchfabriken mit 2891 Arbeitern. Daneben blühte die Hausweberei, in der man 1060 Webstühle zählte.

Um 1880 gab es in unserer Stadt noch fast 900 Hauswebstühle. Diese wurden in den gewerblichen Anlagen der Oberbürgermeisterei Eupen erfasst, mit den Namen der Hausweber und, straßenweise geordnet, die Anzahl ihrer Webstühle. Sie waren die letzten Eupener Hausweber, denn die Umstellung von der Handweberei zum Maschenbetrieb war 1890 so gut wie vollendet. Ob in seinem jetzigen Wohnhaus noch vor 125 Jahren ein oder mehrere Webstühle standen oder seine Vorfahren noch „op gen hölte Katto“ gesessen haben, dürfte manch einen interessieren. Auch gibt die Auflistung hier unten einen Aufschluss darüber, wie die Straßen(namen) des Viertels entstanden und wie viele Häuser Ende des 19. Jh. im Bergviertel standen.

Bis um die Jahrhundertwende waren die Eupener Tuchmacher Heimarbeiter gewesen; sie arbeiteten eigenständig und handwerklich, erhielten für ihre hergestellte Ware einen Stückpreis, und die Handwebstühle waren ihr persönliches Eigentum. Der Übergang vom häuslichen zum industriellen Weben in der Fabrik vollzog sich in Eupen verhältnismäßig langsam. Nach einer Statistik aus dem Jahre 1880 standen im Regierungsbezirk Aachen 9685 mechanischen Fabrikwebstühlen nur noch 1934 Hand- und Hauswebstühle gegenüber, der größte Teil davon im Kreis Eupen. Doch aufzuhalten war der technische Fortschritt nicht, denn die neuesten Fabrikwebstühle arbeiteten schon 1880 fünfzehnmal schneller als der Hand- und Hauswebstuhl.

 

Die letzten Eupener Hausweber im Bergviertel (die Zahl vor dem Namen bezeichnet die Hausnummer im Jahre 1880; die Zahl hinter dem Namen die Anzahl seiner Webstühle) :

 

Die Bergstraße

Am Straßenverlauf der Bergstraße änderte sich in den vergangenen 125 Jahren nichts: sie begann 1880 im Anschluss an die Kirchstraße beim Eckhaus Goor (jetzt abgebrochen) und endete an der Bergkapellstraße beim Haus Michel. Die linke Straßenseite begann beim Eckhaus Klötzerbahn und endete beim Eckhaus Judenstraße. 128 Häuser standen 1880 zu beiden Seiten der Altstadtstraße, 68 an der rechten und 60 an der linken Seite. 20 Hausweber wohnten in 13 der Häuser und 45 Kattos standen insgesamt in diesen Häusern an der Bergstraße:

41 Kriescher Jacob 1 / Raumanns Mathias 2 / Nahl Mathias 3 / 73 Schwartzenberg Nicolaus Witwe 1 / Geschwister Weynandts 2 / Haut Gustav 2 / 64 Toussaint Leonhard 1 / 95 Brüll Leonhard Witwe 3 / 70 Lüchem Leonhard 4 / Vanderath Egidius 3 / Breuer Joh. Michael 1 / 72 Breuer Arnold Witwe 3 / 74 Degueldre Joseph 2 / Brüll Hermann Witwe 3 / 76 Kelleter Math. 1 / 101 Reul Wihl. 3 / 103 Pesch Joseph 2 / 94 Mommer Robert 2 / Fett Adolph 2 / Rousch Heinrich 2 / 98 Vandersander Johann Peter 2.

 

Die Judenstraße

47 Häuser zählte die Judenstraße von 1880, in 11 Häusern befanden sich insgesamt 31 Hauswebstühle:

4 Schmitz Heinrich 4 / Jerusalem Egidius 2 / 20 Voss Peter 6 / 28 Reinartz Franz 1 / 30 Hausmann Peter 2 / 57 Schmitz Leonhard Michael 2 / 47 Bossen Aug. 1 / 39 Creutzer Jos. 1 / 37 Scholl Franz 1 / Wittekind Joseph 3 / Delhaes Martin 5 / 53 Schwitzer Johann 1 / 31 Baltus Peter 2.

 

Bergkapellstraße

Dem Namen nach war die Straße 1880 kaum 7 Jahre alt; bis 1873 hatte das Altstadtviertel die Bezeichnung „in Tebaten“ getragen. 43 Häuser säumten die beiden Straßenseiten (einschließlich St. Johannes Kapelle). In 8 Häusern standen ein oder mehrere Hauswebstühle:

58 Hohn Peter 2 / 52 Schloßmacher Lambert 2 / Schmitz Leonhard 2 / Krickel Nicolaus 2 / Jansen Hubert 1 / 32 Heeren Mathias 2 / Müller Joseph 1 / 30 Mostert Johann 1 / 26 Brüll Joh. Peter 2 / Carls Joseph 1 / 28 Bodem Heinrich 3 / 16 Drouven Hermann 1 / 6 Ortmann Wilhelm 2.

 

Die Edelstraße

Auch diese Straße trug ihren neuen Namen erst seit 7 Jahren; bis dahin hieß es in alten Grundbüchern schon seit dem 16. Jahrhundert immer nur „Ässel, in den Esel“ für den alten Eupener Ortsteil und den Verbindungsweg von der Judenstraße zur Haasstraße. 6 Häuser standen 1880 an der rechten und 12 Häuser an der linken Straßenseite. Die Häuser an der rechten Seite waren von 1 bis 11 und an der linken Seite von 2 bis 18 und von 24 bis 30 numeriert. Wir treffen in 7 Häusern der Edelstraße insgesamt 14 Hauswebstühle an:

24 Dohm Peter Joseph 2 / 16 Wertz Hubert 2 / 8 Schmitz Ernst 3 / 6 Michel Nicolaus 2 / 4 Schmitz Hubert 2 / 1 Klerx Thomas 1 / 11 Merlotte Heinrich 1 / Jäger Leonhard 1.

 

Haasberg

22 Häuser standen 1880 im Haasberg und in 5 Häusern befanden sich Hauswebstühle:

6 Pelzer Simon 2 / Bohn Heinrich 2 / 4 Dahlen Nic. 1 / Jansen Frant 2 / Klever Nicolaus 1 / 3 Klerx Thomas 1 / 1 Bodem Peter 1 / Plumanns Leonhard 1.

 

Rotenberg

Eine durchgehende Straße wurde der kleine Weg von Stockem über den Bach und das Etterstental hinauf zum „roten Berg“, auf dem seit dem 18. Jahrhundert das Waisenhaus thronte, erst im Jahre 1875. Oberbürgermeister Peter Becker hatte durch Erdanfüllung von 1870-1875 die neue Straße schaffen lassen. Die einzige alte Besiedlung des Rotenberg bestand daher 1880 nur aus den Häusern am oberen „roten Berg“. Es waren allerdings von Stockem her gesehen, damals an der rechten Seite 17 Häuser, wovon das Waisenhaus die Hausnummern 7-9 und ein Spritzenhaus der Feuerwehr die Hausnummer 5 trugen. An der linken Straßenseite standen 20 Häuser, so dass die „Rothenbergstraße“ von 1880 insgesamt 37 Häuser zählte. In fünf dieser Häuser finden wir zusammen 11 Hauswebstühle vor:

29 Mostert Nicolaus Joseph 3 / 22 Janssen Egidius 1 / 16 Dürnholz Jacob 2 / 8 Neumann Heinrich 3 / 5 Krott Thomas Witwe 2.

 

Der Olengraben

17 Häuser an der rechten Straßenseite (vom Rotenberg her) und 5 Häuser an der linken Straßenseite weist der Olengraben von 1880 auf. Fünf Hausweber besitzen hier in vier Häusern zusammen 10 Hauswebstühle:

5 Kreuer Peter Nicolaus 3 / Weinberg Franz Hubert 2 / 9 Brüll Anton 2 / 11 Merlotte Lambert 2 / 19 Mattar Gerhard 1.

 

Die Neustraße

Schon 61 Häuser zählt 1880 die erst am 10. Mai 1846 feierlich dem Verkehr übergebene „neue“ Eupener Straße zu ihren beiden Straßenseiten. Es waren moderne und für die damaligen Begriffe prächtige Häuser, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dort entstanden. Kaufleute, Ärzte und Fabrikanten bewohnten sie. Für einen armen Hausweber und sein Weberstübchen war hier nicht der geeignete Ort. Wir treffen daher die Eupener Hausweber in dieser Straße nur im oberen Teil der Straße, der schon früher besiedelt war, an. Es sind dies die Häuser Baltus an der linken Straßenseite (mit Toreinfahrt und Hinterbauten) und das Haus oberhalb der „evangelischen Schule“ (später franz. Schule). Nur in vier Häusern der Neustraße ratterten ein oder mehrere Webstühle:

86 Merlotte Johann 2 / 66 Hermanns Lorenz 3 / Decker Peter 1 / 64 Roderburg Heinrich Hubert 4 / Klerx Wilhelm 2 / 58 Gielen Carl 1.

 

Am Berg

Die seitlich der Bergstraße gelegene Straße „Am Berg“, im Volksmund „bate gen berrech“ genannt, wies im Jahre 1880 einen Bestand von 37 Häusern auf. 7 Hausweber wohnten dort und besaßen insgesamt 11 Webstühle:

44 Jansen Johann Hubert 1 / Allemand Egidius 1 / 52 Laps Johann Joseph 1 / 32 Assent Nicolaus 2 / 26 Honds Nicolaus 1 / 24 Vanerk Math. Jos. 1 / 18 Jost Mathias Joseph 4.


99. Eupener Tabakfabriken

Arnold Carl Martin Bong wurde am 18. März 1897 in Eupen geboren. Nach dem ersten Weltkrieg gründete er in der Neustraße bzw. auf dem Rotenberg in Eupen eine Tabakverarbeitungsfirma. Am 13. November 1924 heiratete er Regina Teller. Am 18. Januar 1926 verunglückte er tödlich auf einer Verkaufsfahrt in Born bei St. Vith. Seine Gattin brachte am 14. März 1926 Sohn Arnold zur Welt. Die Wwe. Regina Bong-Teller übernahm die Leitung der Tabakfirma bis ihr Sohn 1945 aus dem Krieg zurückkam. Arnold Bong starb am 11. Dezember 1971 im Alter von 46 Jahren an den Folgen einer Kriegsverletzung. Seine Gattin Doris Beck übernahm nun für einige Zeit die Leitung der Firma, stellte jedoch Ende 1972 die Fabrikation von Tabakwaren ein.

Das Schnupfen von Tabak verbreitete sich seit 1636 durch einen spanischen Geistlichen in Rom und erreichte bald unsere Gebiete. Hiesige Tabakfabrikanten kauften von den Großhändlern verschiedene Tabaksorten ein, die sie dann nach Bedarf und Geschmack der Kunden mischten.

1860 entstand in Eupen der erste Betrieb, der sich mit der Verarbeitung von Tabakblättern beschäftigte. Die Arbeit an den Tischen ging nicht lautlos vor sich, im Gegenteil, gemeinsam wurden saisonbedingt lustige oder traurige Lieder gesungen. Die Fertigung der Zigarre unterliegt einem bestimmten Tabakgeschmack, der durch das Mischen verschiedener Tabaksorten nach einem geheimen Rezept sowie mit Beizvorgängen erreicht wird. Die zur Herstellung einer Zigarre verwendeten Tabakblätter werden angefeuchtet, dann entrippt und zerschnitten oder zerrissen. Mitarbeiterinnen, die in der Tabakfabrik Bong auf langen Holzbänken saßen, formten mit geschickten Händen aus Blattstücken der gemischten Tabaksorten den „Wickel“ in Zigarrenform. Diesen „Wickel“ umhüllten sie mit einem besonderen Blattstück, dem Umblatt, und umrollten das Ganze mit dem vorher zurechtgeschnittenen Deckblatt. Die von Hand gefertigte vorgearbeitete Zigarre wurde dann in speziell angefertigte Formbretter gepresst und 10 bis 14 Tage darin aufbewahrt.

In den Adressbüchern der Stadt Eupen werden im 20. Jahrhundert folgende Tabakfabrikanten erwähnt:

1902 : Koch-Becker, Borngasse 31 und Leonard Mattar, Bergstraße 86

1906 : Koch-Becker, Borngasse 31; Leonard Mattar, Bergstraße 86; Mayer u. Schauf, Neustraße 28

1913 : Bohr & Cie, Neustraße 18; Koch-Becker, Borngasse 31; Wwe. Albert Meyer, Neustraße 48; Roderburg H. & Co, Neustraße 51

1926-1927 : Wwe. Arnold Bong, Neustraße 51; W. Altmeyer, Neustraße 57; De Mulder Oskar, Kaperberg 1; Lenz Josef, Klosterstraße 1; Roderburg H. & Cie, Aachener Straße 7; Rossi Curzio, Kaperberg 41; Van Zuylen Frères, Borngasse 31


100. Grenzen des Bergviertels

Unsere Vorfahren gaben schon in frühester Zeit der Erhebung , die den ursprünglichen Ortskern (die Oberstadt) vom Ortsgebiet „unter der Haas“ (die Unterstadt) trennte die einfache Bezeichnung „der BERG“. Sie benannten die Ortslage an seinem Fuße „a gene Berrech“ (Am Berg), den höher gelegenen Teil „op gene Berrech“ (auf dem Berg). Aus ihrer Sicht lag demnach das Ortsviertel der unteren Bergkapellstraße und des oberen Rotenbergs „Hinter dem Berg“. Sie brachten das mit der Benennung „Baate gene Berrech, d‘r Baate, Thebaaten, Batenberch“ zum Ausdruck. Zahlreiche Straßennamen spiegeln diese Sicht des „Berges“ wieder: Bergstraße, Am Berg, Rotenberg, Oeberg, Ħaasberg, Schorberg, Kaperberg.

Die Besiedlung der Unterstadt begann erst im 17. Jahrhundert, als infolge des Emporblühens der Tuchindustrie an die Ausnützung von Weser und Hill herangetragen werden musste. Damit entstand die Verbindungsstraße dorthin, die Bergstraße mit dem Bergkapellplatz. Die Bergstraße war der alte Verbindungsweg zwischen den beiden Vierteln. Diese Vierteleinteilung ist älter als die Pfarraufteilung, denn eine unterstädter St. Josefspfarre gibt es erst seit 1872. Die Einteilung in Lathöfe, als Eupen vom Herzog von Limburg abhing, ist bis heute spürbar. Der Stadtbezirk Eupen war in drei Lathöfe (St. Marien, Frambach und Stockem-Eupen) eingeteilt. Am Ort „a gen Loote“, dem alten Bauernhof mitten in der Bergstraße, stießen die drei Lathöfe zusammen. Der obere westliche Teil der Bergstraße bis „a gen Loote“ gehörte zum Lathof St. Marien (der große Teile der heutigen Unterstadt umfasste), der obere östliche Teil der Bergstraße gehörte zum Frambacher Lathof, der sich von Judenstraße und Kehrweg über Kaperberg, Voulfeld und Nispert bis hin zum Wirth, Heidberg und Heggen und der gesamte untere Teil „a gene Berrech“ (Am Berg) gehörte zu beiden Seiten zum Stockem-Eupener Lathof. Aus den im Archiv der Stadt befindlichen Schriftstücken hat man Namen und ungefähren Umfang der drei Lathöfe festgestellt.

Der Lathof St. Marien umfaßte, die meisten heutigen Häuser weggedacht, als Nachbar der Herrlichkeit Vreuschemen, etwa: Membach, die Wiesen zwischen Membach und Eupen bis zum Stendrich, Oe, Rotenberg, Thebaten, Haas, Düvelscheid, Schilsweg, Hütte, Esel, Haasberg, den westlichen Teil der Bergstraße bis „a gen Loote“.

Der Frambacher Lathof umfasste im ganzen: Heggen, Gospertstraße, Hook, Wirth, Heidberg, Oberste Heide, Nispert, Kaperberg, Voulfeld, Kehrweg, Judenstraße, östliche Seite der Bergstraße.

Der Stockem-Eupener Lathof umfasste etwa: Overoth, Stockem, Stendrich, Laschet, Lommerich, Gemehret, Nöreth, Hufengasse, Paveestraße, Hostert, Kirchstraße, Marktplatz, Klötzerbahn, Bergstraße mit den östlich gelegenen Gassen, die Ibern und Heukebend.

Diese Dreiteilung zeigt sich später noch daran, dass bis 1795 Eupen in drei Quartiere (Kirchstraße, Gospert mit Wirth, Haas mit Berg) und die Bürgerwehr in drei Kompanien eingeteilt war, dass man seit der Franzosenzeit bis 1873 noch drei Stadtteile (die Sektionen A, B und C) unterschied.

 

Das Quartier Berg und Haas

Die Grenzen der alten Lat- oder Lehenshöfe trafen sich am Gut Looten. Das Quartier Oberstadt-Kirchstraße dürfte aus dem Stockem-Eupener Lathof, das Quartier Oberstadt-Gospert aus dem Frambacher Lathof entstanden sein. Anders ist es mit dem Quartier Berg und Haas. Der dritte Eupener Lathof, St. Marien, war nur zu einem kleinen Teil auf dem Gebiet Eupens gelegen. Er umfaßte einen großen Teil des Grundbesitzes in der Gemeinde Membach und reichte in einer auslaufenden Spitze bis an das Eupener Bergviertel heran. Zu ihm gehörten, die Bergstraße hinaufgehend, die Häuser auf der rechten Seite, vom Gut Looten angefangen bis zur Bergkapelle, dann weiter auf der rechten Seite die Bergkapellstraße abwärts bis zum Rotenberg. Die linke Seite der Bergstraße ab Iberngasse und das ganze übrige Bergviertel gehörten nicht zu einem Lathof, sondern zum Gebiet des Hertogenwaldes, der in frühesten Zeiten wohl bis hierher gereicht hat. Der Hertogenwald war seit Bestehen des Herzogtums Limburg herzoglicher Besitz und nicht als Lehen vergeben. So kam es, dass die Ansiedler in diesem Gebiet ihre Siedlungserlaubnis direkt vom Herzog erhielten und auch nur ihm gegenüber abgabepflichtig waren.

Der Stadtbach, der seit 2017 vor dem Haus Bergstraße 19 wieder sichtbar geworden ist, bildete einst die Grenze zwischen den Sektionen A (Kerckstraet) und B (Bergviertel). Das wurde erst 1873 geändert, als die Stadtverwaltung beschloss, die Straßen der Stadt genau zu begrenzen, mit Namensschildern zu versehen und die Nummerierung der Häuser straßenweise durchzuführen. Bis dahin waren die Häuser fortlaufend von 1 bis 1178 nummeriert. Die Häuser zwischen der heutigen Kirchstraße Nummer 39 und Bergstraße 19 waren zu jener Zeit unter der Bezeichnung „Klötzerbahn, aen de Bröck, naer den Berg“ mit den Nummern 99 bis 102 versehen.

Ende des 17. Jh. zählt das Kataster zur Haas die Häuser im Esel, Haasberg, Hoher Haasberg und Olengraben. Zur Zeit der Planung der Bergkapelle hatten sich die Einwohner von Haas und Berg zusammengeschlossen, um die Beteiligung an der Wahl der Neunmänner zu fordern und die Vergrößerung der Bergkapelle sowie die Anstellung eines Priesters zu veranlassen. Mit der Errichtung der Haaspfarre 1872 wird (unnatürlicherweise) auch ein Teil des Bergviertels mit eingeschlossen (Bergkapelle).

In einem Geographie- und Geschichtsbuch von 1804 wird Eupen wie folgt beschrieben: „Eupen (Neau) eine Stadt, wovon der eine, und zwar der größere Theil, an einem Bache, welcher von Kettenis herabfließt, liegt, der andere aber, die Haase genannt, von der Weeze bespült wird, und durch Häuser, welche um den Berg herumliegen, sich an den anderen Theil anschließet.

 

Fazit

Aus den vorangegangenen Beschreibungen lässt sich ableiten, dass aus Sicht der Oberstadt das Bergviertel am Fuße des Berges begann und von dort aus bis ‚hinter den Berg‘ führte, und zwar über die damals einzige Straße, die Bergstraße. Auf der Anhöhe gab es schon früh einen Platz rund um die Bergkapelle, von dem aus eine Reihe von Wegen abzweigten; die heutige Bergkapellstraße, der Haasberg und die Judenstraße. Von Stockem her kommend bildete der Fuß des Rotenbergs am Stadtbach den Beginn des Berges, der zunächst nur auf der Anhöhe bebaut war. Von der Unterstadt aus betrachtet begann das Bergviertel ebenfalls am Fuß von Haasberg und Edelstraße, von denen aus der Schorberg und der Olengraben abzweigten. Die Wiesenlandschaft zu beiden Seiten der Bergstraße wurde erst im 19. Jahrhundert (Neustraße) bzw. 20. Jahrhundert (Ibern) für die Bebauung erschlossen, und bilden „Grenzfälle“ im Bergviertel.


101. Das Bergviertel im Krieg

In den kommenden Tagen gedenkt Europa des Endes des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren. Wie sah es während dieses Krieges im Bergviertel aus? Hier einige Berichte und Fotos aus dieser Zeit...

 

1. Weltkrieg

1909 hatte man auf der Judenstraße aus kräftigen Holzbalken einen Aussichtsturm errichtet. In den Kriegsjahren 1914/18 war er für die Zivilbevölkerung gesperrt, da er militärischen Zwecken nutzbar gemacht und als Ausguckposten bezogen wurde. Vereinzelt war jedoch von hier aus ein Blick in „Feindesland“ vergönnt. In einer Notiz heißt es: „Gegen Abend machte ich mit zwei Freunden einen Spaziergang. Wir kamen zum Aussichtsturm auf der Judenstraße, den wir bestiegen. Und sahen wir von dort oben aus in Richtung auf Lüttich ganz deutlich in der Abenddämmerung das Aufblitzen der Kanonenschüsse. Etwa fünf Sekunden nach dem Blitz vernahm man einen dumpfen Knall. Es war das Bombardement der äußeren Forts von Lüttich“.

 

Rotes Kreuz im Einsatz

Nach dem deutschen Überfall auf Belgien war Eupen für kurze Zeit Frontstadt. Die Eupener Kirchen wurden kurzfristig zu Gefangenenlagern. Der Abtransport der Gefangenen bot den Bürgern der Stadt ein nie gesehenes Schauspiel. Ein Augenzeuge berichtet: „Es waren Soldaten verschiedener Waffengattungen. Vor dem Rathaus wurde haltgemacht, und die zahlreichen Gefangenen wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt und für die Nacht in den Kirchen der Stadt untergebracht. Hier blieben sie bis zum anderen Morgen, um dann in das Landesinnere weiter geschafft zu werden. Mir gelang es, Zutritt in die Bergkapelle zu erhalten. Gar traurig sah das Bild aus. Die armen müden Gefangenen hockten in den Bänken. Mitleidige Anwohner der Bergkapelle brachten ihnen Brot und Kaffee. Sie hatten nur einen Wunsch, nämlich zu schlafen. Die Gefangenen schliefen sitzend in den Holzbänken; ihre Wächter dagegen ruhten ausgestreckt auf dem Steinboden zwischen ihnen. Außer in der Bergkapelle waren die Gefangenen – im ganzen waren es rund 4.000 – in den beiden Pfarrkirchen, in der Klosterkirche, in der evangelischen Kirche, in der Werthkapelle und auf dem Heidberg untergebracht. Anderntags begann der Abtransport mit der Bahn. Die Kapuzinerkirche wurde als letzte geräumt…“

 

Kriegsküche in der Borngasse

Die Kriegsküche in der Borngasse versorgte dreimal in der Woche die Familien der Soldaten mit einem kräftigen, schmackhaften Mittagessen. Einige Arbeiterinnen und 13 Schulkinder an der Zahl, die sich mit Kartoffelschälen nützlich gemacht hatten, wurden im ersten Kriegsjahr durch das Christkind beschenkt.


122. Aus einem touristischen Führer Anno 1928
Die Stadt Eupen zählt ungefähr 13000 Einwohner. Sie wird von der Bevölkerung eingeteilt in „Oberstadt“, Gegend des Rathauses, des Marktes, des Wirthplatzes, Kaperberg, Moorenkopf, Bergstraße, Neustraße und „Unterstadt“ mit den Vororten Haas, Schilsweg, Bellmerin, Hütte, Oe. Die Bürgermeisterei oder Gemeinde Eupen umfasst außerdem die Weiler Stockem, Nereth, Voulfeld und die isoliert gelegenen Häuser von Neuenhof, Depick, Opersbach, Rotter, Mospert, Schönfeld, Diebach, Langfeld, Clouse, Nispert, Obersheide.
Oberhalb des Wirthplatzes die Kaperbergstraße mit dem Progymnasium. Unterhalb führt rechts ein Pfad nach dem Aussichtsturm und der Bergkapelle.
Verfolgen wir die Kirchstraße und Bergstraße so kommen wir an eine Wegkreuzung, wo sich ein Kruzifix aus Holz (1865) befindet, rechts die Neustraße, links führt die Bergstraße weiter steil ansteigend, überraschend malerisch, bis zur Judenstraße (Querstraße) gegenüber befindet sich eine sehenswerte hübsche Kapelle, die Bergkapelle auch St. Johanniskapelle genannt, Louis XIV, aber in romanischer Stilart restauriert mit Inschriften und Wappen (1732), im Inneren ein sehenswürdiger Weihwasserkessel. Links kommen wir unverzüglich an den Aussichtsturm für Touristen, wenig hoch, trotz den vier Stockwerken, aber umfassende malerische Rundschau, hübsches Panorama auf die Unterstadt, die Täler der Weser, und der Helle und Hertogenwald. Diese Anhöhe wird „Moorenhöhe“ oder „Moorenhügel“ genannt. Rechts von der Bergkapelle erreichen wir den anderen Ausgang der Neustraße (Moderner Brunnen). Links der Olengraben, welcher steil nach dem Vorort Haas hinunterführt.
Die Oberstadt hinuntersteigend, sehen wir auf einer Anhöhe ein geräumiges modernes Bauwerk, ds Kaufmanns-Erholungsheim (Sanatorium), welches von Belgiern unter dem Titel „Belgische Erholungs-Kolonie“ übernommen worden ist. Im hinteren Ende der Oe befindet sich das Waisenhaus, gegründet 1710 durch die Einwohner der Stadt.
Die Nähe des ausgedehnten Hertogenwaldes bildet eine beständige Quelle reiner Luft für alle. Zahlreiche Spaziergänge mit Wegeanzeigern und Bänken sind sorgfältig in der Umgebung der Stadt unterhalten und die empfehlenswertesten Touristenwege und Spaziergänge sind daselbst angeführt.

Neben dem historischen Pharus-Stadtplan von 1930 finden wir hier unten eine Ansichtskarte der St. Nikolaus-Pfarrkirche, eine Zeichnung der Bergkapellstraße aus den 20er Jahren, sowie verschiedene Ansichten, wie sich das Viertel einem Besucher des Jahres 1928 wohl präsentiert hat...


106. Wolfsloch

Im Eupener Raum gab es mehrere Fluren mit der Bezeichnung „Wolfsloch“ oder „Wolfskull“. Wir fanden in den alten Niederschriften:

a) Die Flur Wolfsloch beim Waisenbüschchen (1645 „wolffsloch naer den grooten driesch“ - 1782 „int wolffsloch geleghen an den weysenbosch und die groote gatze“ jetziger Limburger Weg).

b) Die Flur Wolfskull im Wiesenland zwischen Frankendelle und Esel (Edelstraße) – (1645 „wolffskoull naer het schorrebergh“ - 1701 „auff die wolffskoul nach dem moessell“). Die örtliche Bezeichnung „Im Mossell“ für das Haus und das Gelände seitlich der Edelstraße gilt auch heute noch in der Volkssprache. Sie nennt ebenfalls den kleinen Weg, der von dort zum Schorberg führt, „Mossellsgätzke“. Wir vermuten, dass die Bezeichnung „Im Moessell“ infolge Sprach- und Schriftabschleifung aus „Im Esel“ (Ässell) entstanden ist. 1782 „in die Treut nach die wolffskoull“. Die Flurbezeichnung „Treut, in die Treut“ galt den Wiesen gegenüber dem heutigen Städtischen Stadion.

c) Die Flur Wolfskull beim Wiesenland Ibern-Stockborn (1645 „wolffskoull aen de stockborn“ - 1782 „auff die wolffskoull naer de Eyborn“).

Die beiden gleichbedeutenden Flurnamen „Wolfsloch“ und „Wolfskull“ beziehen sich auf Fanggruben oder sonstige Fangvorrichtungen für Wölfe in dem betreffenden Gelände; wie überhaupt der Wortbestandteil „Wolf“ in Orts- und Flurnamen auf das Vorhandensein, sowie das Jagen von Wölfen in früheren Zeiten hinweist.

Es ist erwiesen, dass es in früherer Zeit Wölfe in den Wäldern um Eupen gegeben hat. In einem Bericht über die Herrlichkeit Eupen aus dem Jahre 1704 heißt es, „dass zuweilen der Wolf kommt und das Vieh der armen Leute beim Weiden im Hertogenwald anfällt“. Die jährlichen Wildabschusslisten des Forstmeisters Peter Felden (1741-1779) an die Rechnungskammer in Brüssel vermelden fast immer den Abschuss eines oder mehrerer Wölfe im Hertogenwald. In der Zeit von 1817 bis 1860 wurden nachweislich noch insgesamt 41 Wölfe in den Wäldern des Kreises Eupen erlegt. Zwar beziehen sich alle diese Berichte nur auf die Wälder, doch es ist ebenso bewiesen wie bekannt, dass hungrige Wölfe besonders zur Winterszeit auch die ortsnahen Wiesen und Felder aufsuchten. Berücksichtigt man nun, dass in früherer Zeit der Wald näher an den Ort Eupen heranreichte, so liegen die vorgenannten „Wolfslochfluren“ in unmittelbarer Waldnähe.


Das Bergviertel im Krieg - 2. Weltkrieg

 

Aus den Tagebuchaufzeichnungen von Anna Schmitz, Lehrerin an der Gemeindeschule von Kettenis und wohnhaft auf der Neustraße 34.

 

Kriegsbeginn

Freitag, 10. Mai 1940

Ich werde um 4.45 Uhr wach. Starkes Motorengeräusch von Fliegern, die doch eigentlich hier nichts zu suchen haben. Das anhaltend stark Geräusch macht mich so unruhig, dass ich nach einiger Zeit aufstehe. Flieger sind nicht mehr zu sehen, wohl aber die von ihnen herrührenden weißen Rauchfahnen. Es müssen viele Flieger gewesen sein. Meine Schwester Therese hat zehn Flieger gezählt. Jetzt sehen wir noch 22 nach Osten fliegen.

Die ganze Stadt ist ohne Licht, da wir bisher den Strom aus Bressoux bekommen. Man kann infolgedessen kein Radio hören. Alle Leute kaufen Kerzen. Man konnte nicht telefonieren. Die Kleinbahn fährt nicht, Post wird nicht befördert.

Samstag, 11. Mai

Ich schlafe bis gegen zwei Uhr. Dann wache ich auf durch andauernd starken Geschützdonner. Bei jedem Schuss blitzt es auf. Man hört deutlich Abschuss und Einschlag. Ich bin sehr aufgeregt und beunruhigt und zittere am ganzen Körper. An Schlafen ist nicht mehr zu denken.

In großer Sorge sind alle Eupener um die im belgischen Heer stehenden Eupener Jungen. Jede Verbindung mit ihnen ist natürlich unterbrochen.

Pfingstsonntag, 12. Mai

Die Nacht war noch schlimmer als die vorige. Ohne Unterbrechung erfolgen Schüsse. Man meint, die Einschläge seien sehr nahe. Die Fenster klirren, und das Haus bebt. Wir sind immer noch ohne Strom. Aus Herbesthal und Welkenraedt kommen Flüchtlinge nach Eupen.

Freitag, 17. Mai

Auf der Straße ziehen Truppen durch. Es müssen viele sein. Mittags kommen zwei Offiziere Quartier machen. In meinem Zimmer sollen zwei Mann schlafen. Im Keller alles zurechtmachen für Fliegeralarm.

Samstag, 18. Mai

Da unsere Einquartierung Telefondienst hat im Kolpinghaus, muss das Essen für 11.30 Uhr fertig sein. Ununterbrochen fahren Autos durch, alle zur Luftwaffe gehörig. Fallschirmabspringen, Flakgeschütze, riesige Lastautos mit Benzin, Traktoren mit zwei Anhängern.

Sonntag, 19. Mai

Es ziehen Truppen durch. Wir schenken Bier und Kaffee aus. Mittagsrast auf der Straße. Essensausgaben, Futterausgaben. Es ist sehr heiß. Die Soldaten sitzen auf den Treppenstufen der Häuser. Alle Anwohner sorgen für sie. Abends hören wir durch das Radio, dass unsere Kreise an das Großdeutsche Reich angeschlossen sind.

Mittwoch, 22. Mai

Fliegergeräusch und Flakbeschuss in der Nacht. Weiterer Truppendurchmarsch. Nachmittags Großkundgebung auf dem Sportfeld.

Samstag, 25. Mai

Es ziehen noch vereinzelt Truppen durch. Hier und da hört man von zurückgekehrten Eupener Soldaten. Wir müssen den Luftschutzkeller einrichten. Im Kapitol sind Luftschutzvorträge.

Samstag, 8. Juni

Unser Geld wird 10:1 umgerechnet. Wir werden alle arm. Nirgendwo bekommt man Kaffee oder Seife. Alle Geschäfte sind leergekauft. Wenn es irgendwo Gemüse gibt, stehen die Leute Schlange. Alles ist sehr teuer.

Einzug der Alliierten

Freitag, 1. September 1944

Viermal Voralarm im Lauf des Vormittags. Den ganzen Nachmittag Detonationen, näher und weiter.

Sonntag, 3. September

Flüchtlinge aus Belgien kommen durch. Die Straße voller Militärwagen. In der Lehrerbildungsanstalt im Kloster Garnstock Lazarett, auch im Genesungsheim (Sanatorium).

Montag, 11. September

Nacht sehr unruhig, von 10.30 bis 3 Uhr dauernd stärkere und schwächere Detonationen. Um 5.30 Uhr die ganze Straße voller deutscher Militärwagen. Um 12 Uhr rufen sich die Leute zu, dass die Amerikaner oben um die Ecke kommen. Von der Moorenhöhe waren die US-Soldaten noch von einem Heckenschützen beschossen worden. Ein Rennen auf der Straße, viele stehen in den Haustüren. Ein deutscher Panzer kommt um oben um die Ecke und fährt die Straße hinunter. Dann kommt er wieder herauf und nimmt am Rotenberg Aufstellung. Die Soldaten steigen aus. Aus ihren Zurufen habe ich gehört, dass sie auf die Spitze der Amerikaner warten. Dann fährt der Wagen bis an die untere Ecke. Es fahren Panzer die Straße hinunter. Wir sehen vom Fenster aus den Einzug an. Plötzlich brennt es auch auf dem Markt. Der letzte deutsche Panzer hat von dort auf den ersten amerikanischen geschossen, als er auf den Bach einbog.

Um 18 Uhr höre ich, dass in Eynatten Widerstand geleistet wird. Um 19 Uhr Einschläge in nächster Nähe. Wir laufen zum Keller, da erfolgt ein Einschlag in unserer Straße, vor der Tür der Sparkasse. Gegenüber liegen drei Menschen auf dem Trottoir: Vater, Tochter, Sohn. Der Junge ist tot, der Vater am Kopf verletzt, auch die Tochter verletzt. Frankens Haus hat Beschädigungen an der Mauer. Auch die Nachbarhäuser: Laschet, Kirfel, Fuß, Krankenkasse (Allgemeine Ortskrankenkasse, Neustraße 38), Holler (Der aus Krefeld gebürtige Kunstmaler Alfred Holler, Neustraße 44), Philipps. Die Getroffenen sind bei Franken.

Mittwoch, 13. September

Unsere Straße heißt wieder Neustraße (Nach der Eingliederung Eupens in das Deutsche Reich waren die Neustraße und die untere Bergstraße 1940 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden. Noch kein Strom. Noch ohne Fensterscheiben, kein Gas.

 

Ardennenoffensive

Freitag, 6. Oktober

Schießen während der ganzen Nacht. Nach Mittag kommen etwa 50 Panzer, leichtere und schwere, die Neustraße herauf. Zu gleicher Zeit ununterbrochen Flieger in der Luft. Radio England meldet Panzerschlacht bei Monschau. Dauernd Detonationen.

Samstag, 16. Dezember

Einschläge obere Neustraße hinter Baltus. Dann im Werth, Rotenberg gegenüber Waisenhaus, Kammgarnwerk, Metzger Köttgen, Kirchplatz Unterstadt.

Sonntag, 17. Dezember

Ruhige Nacht bis 3.15 Uhr. Dann schwache Detonationen. Plötzlich hellrotes Licht. Am Himmel über Bergkapellstraße Leuchtzeichen, rote und weiße. Immer neue. Tiefflieger und Maschinengewehrgeknatter. Gegen 5.30 Uhr ruhig. Ich schlafe bis 8.30 Uhr. Um 9.15 Uhr zum Hochamt. Werde an Ecke Neustraße von belgischen Gendarmen angehalten und zurück geschickt. Alles von der Straße. Lautsprecher: Niemand darf Eupen verlassen und niemand in die Stadt hinein. In der Nacht sind deutsche Fallschirmjäger abgesprungen.

Montag, 18. Dezember

Um 0.30 Uhr nachts Maschinengewehrgeknatter, Bordwaffen, Flak, Tiefflieger, Leuchtkugeln am Himmel, furchtbares Getöse, Splitterregen aufs Dach. Zum ersten Mal seit September Sirene. In den Keller. Furchtbare Krache, Fensterklirren. Einmal meint man, das Haus stürze ein.

Leichtere Fensterschäden in Neustraße und Bergstraße. Es sieht sehr nach Krieg aus. Leute fürchten Evakuierung.

Dienstag, 19. Dezember

Die ganze Nacht hindurch hat eine Artilleriebatterie geschossen, dass das Haus bebte und die Fenster klirrten. Sie steht etwa ein Kilometer von hier auf dem Drüggenborn (Gutshof im oberen Binstert).

Donnerstag, 21. Dezember

In der Nacht erfolgten Einschläge im Stockbergerweg, Kaperberg, Stendrich, Spitalwiese. Abschüssen sollen von deutschen Panzern kommen.

Sonntag, 24. Dezember

Heiliger Abend. Um 15.45 Uhr Adventsfeier und Christmette. Zwischendurch, gerade bei Predigt, heftiges Flakschießen. Fast alle Leute in der Kirche, auch Männer, weinen. Am Heiligabend 1944 wurde das Bergviertel von amerikanischen Kampfeinheiten durchquert. So sah man eine unendlich lange Panzerkolonne von der Judenstraße herkommen, um In den Olengraben einzubiegen. Von allen Seiten, von der Neustraße. Vom Rotenberg und vom Olengraben her kamen Lastwaqenkolonnen, und es schien zu einem unentwirrbaren Knäuel zu kommen. Doch sofort stellten die die Einheiten begleitenden M.P. sich auf, es waren Ihrer 8, lenkten die Kolonnen, die von der Judenstraße her zur Front wollten und anscheinend das Vorfahrrecht hatten, um die frühere Pferdetränke zum Oiengraben. Im Augenblick war alles in bester Ordnung.
Einige Zeit später warf ein deutscher Flieger eine Bombe mitten im Kreuzungspunkt Judenstraße-Bergkapellstraße-Haasberg, und eine weitere hart am Giebel der gegenüber der Kapelle liegenden Häuser, ohne dass Menschen zu Schaden kamen.

Montag, 25. Dezember

Weihnachten. Die ganze Nacht hat es geschossen. Mittags Bescherung. Deutsche Flieger schießen mit Bordwaffen in der Mittagszeit. Zum Keller. Der Strom setzt aus. Der Schlamm der letzten Tage ist durch ziemlich starken Frost in Staub verwandelt worden. Starker Verkehr. Dauernde Staubwolke haushoch, dicht, dass man die Leute auf der Straße nicht sieht. Staub dringt durch alle Fugen, man schmeckt ihn.

Dienstag, 26. Dezember

Zur Zeit der Rundstedtoffensive am zweiten Weihnachtstag 1944, gegen 15.20 Uhr, während der Vesper zum 40-stündigen Gebet in St. Josef, warf ein deutsches Flugzeug auf die von Amerikanern besetzte Stadt mehrere Bomben ab, davon eine auf das Gelände der ehemaligen Tuchfabrik Leonard Peters, unweit der Pfarrkirche, die andere auf die Straßenkreuzung Judenstraße-Bergkapellstraße, Haasberg. Hier gab es einige Verwundete. Durch den Luftdruck wurde die Kapelle stark in Mitleidenschaft gezogen, u.a. wurden alle Kirchenfenster zerstört.

Mittwoch, 27. Dezember

Ganze Nacht Artillerieabschüsse mit Blitz, starker Detonation und Rollen. Unmöglich zu schlafen. Auch tagsüber Abschüsse. Plötzlich, um 18 Uhr, furchtbarer Krach, das Licht schwankt, bleibt aber, Scheiben klirren. Zum Keller. Stille.

Donnerstag, 28. Dezember

Auf dem Weg zur Messe sehen wir die Verheerungen der Bombe von gestern Abend. Viele Scheiben zertrümmert auf unserer Straßenseite, auch bei Theß-Paulus, Gerono. Gegenseite hat auf der Rückfront alle Scheiben zertrümmert, auch Dächer. Drei Bomben (deutsche Flieger) in Spitalwiese gefallen.

 

Kriegsende

Mittwoch, 17. Januar

Erste Nacht ohne Schießen. Bis vor acht Tagen hat es jede Nacht furchtbar geschossen, dass das Haus bebte und die Fenster klirrten. Dann wurde es langsam ruhiger. Ende voriger Woche eine Nacht lang Trommelfeuer, es heißt, dass die Amerikaner eine Offensive begonnen haben.

Montag, 22. Januar

Bergstraße, Neustraße, Rotenberg für allen Verkehr gesperrt. In jedem Haus Nachsuchung nach Uniformen, Waffen, Büchern, amerikanischen Lebensmitteln.

Donnerstag, 22. Februar

Die letzten 14 Tage ziemlich ruhig. Durch den ununterbrochenen, ungeheuren Nachschub sind alle Landstraßen kaputt gegangen. Asphalt zerbröckelt, große und tiefe Löcher. Notdürftig geflickt. Nebenstraßen benutzt, die auch ganz unbrauchbar geworden sind. Die im Jünglingshaus untergebrachten Mützenicher (In den Tagen vor Weihnachten 1944 waren zahlreiche Mützenicher nach Eupen geflüchtet, weil ihre Häuser ständig unter Beschuss lagen und zum Teil schwer beschädigt waren) sind stundenweise auf der Wiese Looten. Haben sehr viel Hunger.

Montag, 7. Mai

Bittprozession nach Stockem. Warmes und sonniges Wetter. Immer mehr Fahnen. Nachmittags um 2.45 Uhr endgültige Kapitulation. Kriegsende. Leute stehen Schlange um Papierfähnchen zu kaufen. Überall wird geziert.

Dienstag, 8. und Mittwoch, 9. Mai

Bittprozessionen nach Bergkapelle und Werthkapelle.


110. Hoeckenbennelt

Der Hoeckenbennelt, dessen Bezeichnung wir 1579 erstmals finden, war eine Wiese, von der Bergstraße bis zur „Looten, Laetenflur“ und zur Etterstenflur gelegen. Es ist ein volksgeläufiger Flurname, weil auf dieser Wiese im 19. Jahrhundert und auch noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts, manches Eupener Volksfest (Schützenfest, Zirkus usw.) stattfand. Eine alte Eupener Volksweisheit bezieht sich auf die Wiesenflur: „Wée et langste lävvt, kritt Höükebännet“ (Wer am längsten lebt, erhält Hoekebend). Ursprung und wirkliche Begründung sind mit der einfachen Erklärung zu dieser Volksweisheit „Trost für alle, die nichts geerbt, nicht geteilt, nicht erhalten haben“, die Heimatdichter August Tonnar ihr gibt, nicht zufriedenstellend geklärt und bleiben ein Rätsel.
Bedeutung: Nach der ältesten bekannten Schreibweise „Hoecken“ (sprich Hu‘cken) ist die Deutung auf „Ecke, Winkel, Grenze“ nach dem niederdeutsch-niederländischen Mundartausdruck „Hoek, Hu‘ck“, wie wir es auch beim „Hoek, Hook“ (Ecke an der Bankgrenze Baelen-Walhorn) antreffen, in Betracht zu ziehen. Einer frühen Gebietseinteilung entsprechend bildeten die „Laeten“ - die Flur auf der Laetgrenze, die „Ettersten“ - die hinterste (achterste, ätteschte) Flur und der „Hoeckenbend“ die Flur an der Ecke, den Eckenbend.

Auf der Karte von 1777 erkennen wir noch deutlich die zusammenhängende Wiesenlandschaft im Westen des Bergviertels, der heutigen Bergstraße.


114. Als die Bilder (im Bergviertel) laufen lernten...

Die Geschichte des Kinos in Eupen geht eigentlich auf das Jahr 1911 zurück und wie überall bedurfte es eines „Cinephilen“, um Filme, damals noch ohne Ton, nach Eupen zu bringen. Martin Berg, Geburtsjahr 1882, besaß diese Leidenschaft und konnte nach ersten Versuchen in kleineren Sälen am 23. Dezember 1933 mit dem Tonfilm „Bomben auf Monte Carlo“ das Capitol eröffnen.

Vor 56 Jahren, am 7. Februar 1963 verstarb der Eupener Kino-Pionier Martin Berg. Den ersten Kinosaal besaß er 1911 schräg gegenüber dem Jünglingshaus; an der Neustraße 110 hatte er mit einer Gastwirtschaft „Zur deutschen Fahne“ begonnen (als Eupen 1920 belgisch wurde, änderte der Name in „Zur belgischen Fahne“). Hier im Apollo-Kinotheater wurden die ersten Stummfilme ausgestrahlt. In der Eupener Residenz „Eupener Hof“ richtete Berg 1924 auf der ersten Etage das Kinotheater „Moderne Lichtspiele“ ein. Klavierspieler oder Violinisten begleiteten die Filme damals.

Schließlich setzte er mit dem Bau des supermodernen „Capitol“ neue Kinomaßstäbe für Eupen. Am 18. Februar 1925 erwarb er an der Neustraße das unter Sequester stehende Grundstück der Fabrikantenfamilie Krantz. Die Eröffnung des neuen Eupener Lichtspielhauses fand Ende Dezember 1933 statt. Im „Werbeblatt“ vom 17. November 1986 stand u. a. geschrieben: „Wie groß Martin Bergs Freude und Stolz gewesen sein muss, als 1933 sein Prunkstück die Pforten öffnete, kann man sich heute kaum vorstellen – Stolz nicht zuletzt auf seine eigene Leistung, denn schließlich hatte er jede freie Minute in seinen Traum investiert. Und wie schnell hätte in den Kriegsjahren dieser Traum wie eine Seifenblase jäh zerplatzen können. Zum Glück gingen diese harten Jahre relativ problemlos vorüber bis auf die Unterbrechungen in den Kinovorführungen während dem Fliegeralarm.“ Mit den Amerikanern zog ein erstes Mal die breite Unterhaltung ins „Capitol“ ein. Die Befreier machten aus dem Kinotheater ein „Erholungszentrum“ und nannten es „The Capitol Recreation Center“. Die US-Boys boten die tollsten Variétéprogramme, anfangs nur für ihre Soldaten, die von der Front zurückkamen und auf andere Gedanken kommen sollten, später für jedermann. In der Blütezeit des Lichtspieltheaters kassierte die Stadtkasse an „Lustbarkeitssteuer“ recht ansehnliche Summen. Ins städtische Säckel flossen 1967 nur mehr 183.304 Franken, während zehn Jahre zuvor noch stolze 416.989 Franken verbucht werden konnten.

1924 hatte Emil Bemmert im Schilsweg im Saal Müller auch ein Kino eröffnet. Dieses funktionierte allerdings nur kurze Zeit. Nach dem Krieg, 1945-46, wurde im Saal des Hotel Pauquet im Schilsweg das Kino Palladium mit dem deutschen Tonfilm „Die Kellnerin Anna“ gestartet. Später wurde der Name in „Trianon“ geändert. In den 50er Jahren brannte das Trianon ab und wurde anschließend nicht mehr aufgebaut.

An der Paveestraße gab es seit 1934 die »Schauburg«, ebenfalls eine Gründung des Martin Berg (die im April 1966 ihre Pforten schloss). Doch die konnte sich nicht mit dem »Capitol« messen. Auf der Neustraße verschafften Glühlampen dem »Filmtheater« schon von außen das nötige Flair. Dort gaben die Herren ihren Mantel mit Hut an einer Garderobe ab. Dort hatten die Damen etwas Rouge aufgetragen und für ein paar Stunden den eingemotteten Muff aus dem Schrank geholt. Die Herren durften auf dem Balkon ein Zigarettchen paffen und die Damen am Kiosk einen Fruchtsaft oder ein Piccolo schlürfen. Im Capitol traten Doris Day und Humphrey Bogart auf. Publikumsrenner waren allerdings volkstümliche Kostüm- und Heimatfilme, in denen Romy Schneider als »Sissi« verzauberte, Heinz Rühmann als »Eiserner Gustav« kutschierte, Lilo Pulver durch den Spessart spukte, Gerd Fröbe durch die ewigen Wälder stapfte und Ruth Leuwerick sich mit der Trapp-Familie in die Herzen der weiblichen Zuschauer sang. Das Capital schloss am 1. September 1970.

 

Übersicht der Kinos in Eupen

1911, Eupen : Gründung des Apollo-Lichtspiel-Theater an der Neustraße

1920, Eupen. Rheinprovinz. (14500 Einw.) : Apollo-Kino, Neustr. 55 — Fernspr. 211 — Gegr. 1911 (Sp. 6 Tage) 200 Plätze Martin Berg, Neustr. 55 — Fernspr. 211

Moderne Lichtspiele, Bergstr. 16 (Sp. 6 Tage) 265 Plätze Xav. Schoener, Kaperbergstr. 33

1941, Eupen (Einw: 13 300) :  Capitol-Theater, Adolf-Hitler-Straße 143, F: 1211, Gr: 1933, H,V,S, B: 40 qm 779/4-5 Tg. I: Marian Berg, Adolf-Hitler-Straße 165, F: 1211

Moderne Lichtspiele, Adolf-Hitler-Straße 14, F: 1211, Gr: 1916, H, V,S 250/5 Tg. Martin Berg, Adolf-Hitler-Straße 165, F: 1211

Schauburg Lichtspiele, Paveestraße 7, Gr: 1934, H, V, S 416/3-4 Tg. I: Martin Borg, Adolf-Hitler-Straße 165, F: 1211