23. Neustraße, die neue Straße
In früheren Zeiten führte der Weg von der Eupener Ober – zur Unterstadt die steile Bergstraße hinauf und den Haasberg hinab. Um nun die Montjoier Landstraße von der Eupener Oberstadt und der Aachener Straße auf einem weniger ansteigenden Wege erreichen zu können, wurde in der Zeit von 1844 bis 1846 von der Bergstraße aus unter Umgehung des Bergkapellhügels eine neue Straße angelegt, die zunächst Montjoiner Straße und später Neustraße genannt wurde. Die Straße liegt somit in dem Stadterweiterungsgebiet des 19. Jahrhunderts, welches zur Entstehungszeit durch Gründerzeitbauten geprägt ist, und bei späteren Grundstückserschließungen mit Gebäuden im Stil der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bebaut wurde.

 

Vor 50 Jahren verstarb Martin Berg im Alter von 81 Jahren. Am 3. April 1966 schloss Bergs Lichtspielhaus „Schauburg“ seine Pforten, und das gleiche Schicksal ereilte das „Capitol“ am 1. September 1970. Das Grenz-Echo schrieb damals: „ Das Ende einer Geschichte, die doch eigentlich so gut begonnen hatte. Doch ist es wie im Film: Es gibt nicht immer ein Happy-End“…

 

Am 7. Februar 1963 verstarb der Eupener Kino-Pionier Martin Berg. Den ersten Kinosaal besaß er 1911 schräg gegenüber dem Jünglingshaus. Hier im Apollo-Kinotheater wurden die ersten Stummfilme ausgestrahlt. In der Eupener Residenz „Eupener Hof“ richtete Berg 1924 das Kinotheater „Moderne Lichtspiele“ ein. Schließlich setzte er mit dem Bau des supermodernen „Capitol“ neue Kinomaßstäbe für Eupen. Am 18. Februar 1925 erwarb er an der Neustraße das unter Sequester stehende Grundstück der Fabrikantenfamilie Krantz. Die Eröffnung des neuen Eupener Lichtspielhauses fand Ende Dezember 1933 statt. Im „Werbeblatt“ vom 17. November 1986 stand u. a. geschrieben: „Wie groß Martin Bergs Freude und Stolz gewesen sein muss, als 1933 sein Prunkstück die Pforten öffnete, kann man sich heute kaum vorstellen – Stolz nicht zuletzt auf seine eigene Leistung, denn schließlich hatte er jede freie Minute in seinen Traum investiert. Und wie schnell hätte in den Kriegsjahren dieser Traum wie eine Seifenblase jäh zerplatzen können. Zum Glück gingen diese harten Jahre relativ problemlos vorüber bis auf die Unterbrechungen in den Kinovorführungen während dem Fliegeralarm.“ Mit den Amerikanern zog ein erstes Mal die breite Unterhaltung ins „Capitol“ ein. Die Befreier machten aus dem Kinotheater ein „Erholungszentrum“ und nannten es „The Capitol Recreation Center“. Die US-Boys boten die tollsten Variétéprogramme, anfangs nur für ihre Soldaten, die von der Front zurückkamen und auf andere Gedanken kommen sollten, später für jedermann. In der Blütezeit des Lichtspieltheaters kassierte die Stadtkasse an „Lustbarkeitssteuer“ recht ansehnliche Summen. Ins städtische Säckel flossen 1967 nur mehr 183.304 Franken, während zehn Jahre zuvor noch stolze 416.989 Franken verbucht werden konnten.

 


59. Die Entwicklung der Neustraße

Schon im Jahre 1834 wurde durch Herrn Bürgermeister v. Grand Ry und Fabrikant Hüffer der Bau einer Straße von Montjoie (heute Monschau) übers Venn nach Eupen in Vorschlag gebracht. Die Verhandlungen mit der preußischen Regierung gestalteten sich jedoch äußerst schwierig. Erst im Frühjahr 1844 konnte mit dem Bau der Straße begonnen werden, für den die Stadt Eupen bedeutende finanzielle Opfer gebracht hatte. Beim Bau der Staatsstraße Eupen-Montjoie 1844/46, die am 10. Mai 1846 feierlich dem Verkehr übergeben wurde, beschloss man ebenfalls den innerörtlichen Verkehr von Eupen „am Berg“ nach Eupen „aunder gen Haas“ zu erleichtern. Er erfolgte bis dahin über die Bergstraße und den Haasberg, wobei große Höhenunterschiede zu überwinden waren. Bedenkt man, dass damals die Bergstraße in Höhe der Häuser Gut Looten einerseits und der Häuser „Ehrenbreitstein“ andererseits verlief, kann man sich ein Bild vom damaligen Fuhrverkehr machen. Obwohl man 1845 durch einen Geländeeinschnitt die Straße hier tiefer legte (und die jetzigen Verhältnisse schuf), bliebt man bei dem Projekt, seitlich von der Bergstraße, über die Lootenfluren hinweg eine neue Straße mit weniger Steigung anzulegen. Das Projekt wurde wie gesagt, im Rahmen des Straßenbaus Eupen-Montjoie verwirklicht, und die neue Straße über die Lootenwiesen trug zunächst auch als ein Teil jener staatlichen Fernstraße den Namen „Staatsstraße Eupen-Montjoie“. Noch nachdem der Eupener Bauunternehmer Vandenesch begann, zu beiden Seiten der Straße Häuser zu bauen, heißt es: „an der Montjoier Staatsstraße“. In den 1860er Jahren lesen wir noch in der Eupener Zeitung „Correspondenzblatt für den Kreis Eupen“: „im Hause X an der Staatsstraße Eupen-Montjoie ist eine Wohnung zu vermieten“. Für die Eupener und ihre Volkssprache war das natürlich ein umständlicher Name. Sie benannten die neue Straße, schon allein von der Tatsache her, dass über diese Wiesenfluren nie ein Weg geführt hatte „d‘r nöje we‘ich“ (der neue Weg). Die alte, im Volksmund entstandene Bezeichnung „nöje Weich“ blieb auch dann noch bestehen, als 1873 der Straße der Name Neustraße gegeben wurde. Sie durchschnitt namentlich die Wiesen des The‘Losen‘schen Gutes „Looten“. Sie bot daher auch eine günstige Gelegenheit zur Erbauung von Wohnhäusern. Es hat aber sehr lange gedauert, ehe diese Gelegenheit ausgenutzt wurde. Zunächst wurde das Gelände zu einer frühen „Industriezone“, zu einer Zeit als es diesen Begriff noch gar nicht gab.

An der neuen Straße erwarb der Maschinenfabrikant Peter Wilhelm Kirfel ausgedehnte Grundstücke und erbaute dort um 1845 zunächst ein Eisengießerei (sie ging später in den Besitz von Johann Wintgens über), die aber noch in ziemlicher Entfernung von der Straße lag. Dann aber erhielt er 1850 die Erlaubnis zur Errichtung eines mehrstöckigen Fabrikgebäudes am Rand der Straße. Nach Fertigstellung betrieb er dort eine Maschinenfabrik. Es ist uns heute unvorstellbar, dass eine solche Genehmigung erteilt werden konnte. Aber zu dieser Zeit war die Neustraße ja noch ein Feldweg. Erst als die Straße fast vollständig umbaut war, häuften sich die Beschwerden gegen die Maschinenfabrik, die nun Fecken & Kirfel hieß. Die Firma verlegte bald ihren Sitz nach Aachen. Im Jahre 1883 übernahm die Papierhülsenfabrik Lonhienne die Gebäude. Aber bereits im Jahre 1885 begann der Umbau eines Teiles der Fabrik zu den Wohnhäusern 39-49. Im Jahre 1889 ersucht Gustav Spangenberg um die Genehmigung in den Restgebäuden eine Weißgerberei einzurichten, die ihm aber nicht erteilt wird. Im Jahre 1896 erhält Joseph Derousseaux die Erlaubnis zur Errichtung einer mechanischen Weberei im ersten Stock des Gebäudes. Nach Inbetriebnahme folgten massive Beschwerden der Nachbarn. Nicht etwa wegen des Lärms der Webstühle, sondern „über das Puffen des Gasmotors!“. Im zweiten Stock etabliert sich um 1900 die Rheinische Möbelfabrik Kirfel & Kaiser, doch auch sie besteht nicht lange an dieser Stelle. Letzter Benutzer des Fabrikgebäudes war die Firma Peter Bourseaux & Söhne, die hier mit der Fabrikation isolierter Drähte und Spindelschnüren begann. Im Jahre 1909 ließ Caspar Franken den letzten Teil der Fabrik zu Wohnhäusern umbauen. Heute erinnert nur noch die Rückseite der Wohnhäuser daran, dass sie aus einem Fabrikgebäude entstanden sind.

Schon 1869 hatte der Drucker und Verleger Jacob Wehren den Versuch gestartet; in Eupen eine neue Zeitung zu etablieren, die „Eupener Zeitung, Organ für Politik, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft“. Das Blatt wurde zunächst bei Carl Julius Mayer in der Borngasse 31 gedruckt. Im September 1872 stellte das Blatt sein Erscheinen wieder ein. Die letzten Ausgaben waren in Wehrens an der Neustraße 177/2 ansässigen Verlag herausgegeben worden. Bereits am 12. Oktober 1872 zeigte sich, dass die „Eupener Zeitung“ weitergeführt werden sollte. Die Zeitung, deren Expedition sich in der Neustraße 174/12 befand, sollte bis 1917 erscheinen. Eucharius Corman, der die „Eupener Zeitung“ im Oktober 1872 übernommen hatte und sich im Mai 1875 ins Privatleben zurückgezogen hatte, um sich als Buchhändler zu betätigen, rief 1901 die Wochenschrift „Die Eifel und ihre Nachbargebiete“ ins Leben. Diese Wochenschrift wollte den Fremdenverkehr in Wort und Bild fördern. Die Zeitung wurde von Carl Braselmann in der Eupener Neustraße 18 gedruckt. Bis 1904 fungierte die Corman‘sche Buchhandlung als Verleger, dann zeichnete Heinrich Amedik, der die Buchhandlung an der Neustraße 27 nach Cormans Tod übernommen hatte, als Herausgeber verantwortlich. 1905 ging das Blatt ein.

1876 wurden zwei neue Schulgebäude erbaut, eins auf der Neustraße für evangelische Kinder und ein anderes für katholische Schüler auf dem Gelände des ehemaligen Kreisgefängnisses an der Aachener Straße.

Im bergigen Eupen findet man gewöhnlich eine oder auch mehrere Wirtschaften am Fuße einer Steigung. Sie stammen noch aus den Zeiten, als die Fuhrleute mit ihren schwer beladenen Wagen die Straßen hinauffuhren und dabei ihren Pferden und nebenbei sich selber eine Ruhepause und Erquickung gönnten. Auf der Neustraße war diese meist dreifacher Art: zu Beginn, in der Mitte und am Ende der Steigung. Auf jeder dieser Stationen labte sich der Fuhrmann mit gewöhnlich mehreren Gläschen „Weißem“, die vor 1914 nur 5 Pfennige kosteten.

Um die Jahrhundertwende gab es auf der ganzen langen Neustraße, die zur Bergseite noch von Weidewiesen eingesäumt wurde, nur ein einziges Geschäft: Photograph Laue, der Vorgänger von Photograph Franken.

Der Grundstein zum Eupener Kabelwerk wurde um die letzte Jahrhundertwende gelegt, als die Brüder August und Carl Bourseaux, die unter der Firma „Peter Bourseaux & Söhne“ eine schon seit 1747 in Eupen bestehende Seilwarenfabrik betrieben, die Fabrikation isolierter Leitungen in kleinem Umfang aufnahmen. Der Absatz dieser elektrischen Leitungen stieg mit der zunehmenden Ausdehnung der Elektrizität, so dass die in der Seilwarenfabrik zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten und eine Trennung der beiden Fabrikationszweige vorgenommen werden musste. Die Leitungsdrahtfabrik wurde in ein größeres Fabrikgebäude, den sogenannten Kirfelschen Bau an der Neustraße, verlegt. 1908 wurde ein großes, im Pang gelegenes Gebäude erworben und 1909 wurde für die Leitungsdrahtfabrik eine neue Firma gegründet, welche den Namen „Kabel- und Gummiwerke Eupen“ annahm.


87. Bauten der Gründerzeit in Eupen – Die Neustraße

An der mittleren Bergstraße, dort wo jetzt die Neustraße abzweigt, befand sich eine Sackgasse, im Volksmund „Dr Schwauwau“ genannt. Hier wurde der neue Weg, der die Oberstadt mit der Unterstadt und der neuerbauten Straße nach Monschau verbinden sollte, mitten durch die Wiesen des Gutes Looten angelegt und am 10. Mai 1846 eröffnet.

Der „neue Weg“, wie er heute noch im Volksmund heißt, lag parallel zum Abhang der Berghöhe. War er einerseits den Eupenern für die Erschließung neuen Baugeländes willkommen, so hatte er andererseits auch eine Reihe von Mängeln, die zum Teil bis heute nicht mehr zu beheben waren. Die Eupener Bürger-Zeitung schrieb darüber noch im August des Jahres 1906 u.a. :

„Die Anlage der Straße war mitten durch grüne Wiesen erfolgt und durchschnitt namentlich diejenigen des The Losenschen Gutes Looten. Sie bot daher auch eine günstige Gelegenheit zur Erbauung von Wohnhäusern, welche an beiden Seiten ausgenutzt werden konnte. Es hat aber langer, sehr langer Zeit bedurft, ehe sie solche an beiden Seiten entstehen sah. Dieser langen Bauperiode ist es auch wohl zuzuschreiben, dass die Steigungsverhältnisse derselben so ungleiche, die Höhenlage der Bürgersteige nicht bloss von einer Seite zur anderen stellenweise um mehr als Meterhöhe differiert, sondern auf ein und derselben Seite derart unterschiedlich zu Tage tritt, dass manche Häuser-Eingänge tief unter der Straßenkrone sich befinden, während andere ordnungsmäßig mehrere Stufen über derselben sich erheben. In gleich schlechter Verfassung befindet sich der an der mit den geraden Nummern versehenen Häuserreihe hinlaufende Entwässerungskanal, der was Sohle, Breite und Höhe anbelangt, fast vor jedem Haus anders beschaffen ist und jedenfalls einer einheitlichen Regulierung bedarf, bevor mit der so wünschenswerten Trottoirisierung der dortselbst so sehr im Argen liegenden Bürgersteige begonnen wird. - An der anderen Seite ist die Trottoiranlage, so gut es ging, durchgeführt worden…

...An den soeben besprochenen Mängeln, die der Neustraße anhaften, trägt die hiesige Stadtverwaltung keine Schuld. Obschon mitten in der Stadt gelegen, ist sie nicht städtisches Eigentum geworden, sondern im Besitze der Provinz geblieben. Die Aufsicht über die Provinzialstraßen übten von jeher deren Beamte, die Kreisbaumeister aus, denen die Errichtung von Neubauten angezeigt werden musste und welche Angabe über die jeweiligen Anlagen zu machen hatten. Hier hat es nun augenscheinlich an dem Vorhandensein eines einheitlichen Bebauungsplanes gefehlt. Die Herren entschieden von Fall zu Fall und ist auf solche Weise das Sammelsurium von Anlagen entstanden, wie solche sich heute präsentieren…

...Wie sehr die Anlage der Neustraße einem tatsächlichen Bedürfnisse entsprach, so ist sie andererseits für die Einwohner und namentlich für die Anwohner ein Schmerzenskind geblieben. In ihrem chausseemäßigen Ausbau entwickelt sich in ihr zur Sommerzeit ein unleidlicher Staub, der bei Sturmwind durch noch so gut schließende Türen und Fenster dringt; zur Winterszeit aber und bei anhaltendem Regenwetter lagert in ihr eine Schlammmenge, die das Schuhwerk der Passanten bis zu den Fußknöchelnl beschmutzt und ihr schon seit langen Jahren die zwar unschöne, aber doch richtige Bezeichnung „Schlammbad Neustraße“ eingetragen hat. Mit Bezug auf diese, der Straße anklebenden Unzuträglichkeiten, haben die Anwohner schon häufig Beschwerde geführt und auf Abhülfe angetragen. Es ist aber stets beim alten geblieben und es wird dieses auch noch so lange der Fall sein, als dieselbe nicht mit dem Pflaster versehen wird, denn die fortwährenden Steinauflagen werden von dem massenhaft befahrenden, schwerbeladenen Rollfuhrwerk stets wieder zu Staub gemahlen und zu Schlamm verarbeitet. Seit mehreren Jahren besorgt die städtische Verwaltung die Instandhaltung der Straße, welcher Verpflichtung vordem die Provinzial-Verwaltung in nicht gerade mustergültiger Weise selbst nachkam.“

Doch zurück zu den Wohnhäusern an der Neustraße. An der rechten Seite findet man sie in einer gewissen Uniformität. Das hat seinen Grund. Die Häuser bis zur Abzweigung Looten wurden durchweg durch den Unternehmer Vandenesch, die Häuser oberhalb der Abzweigung in der ersten Hälfte durch den Unternehmer Baltus, in der zweiten Hälfte durch den Unternehmer Beer errichtet. Die linke Seite der Straße weist einen größeren Ideenreichtum auf, wenn auch die Grundeinteilung fast überall gleich ist. Hervorzuheben ist das Haus Nr. 54, das der damalige Eigentümer selbst plante und erbaute und wenn wir den Plan des Hauses Nr. 66 betrachten, so stellen wir fest, dass es vor dem Umbau harmonischer aussah.