3. Judenstraße?

Hätten mich nicht schon die ältesten mir bekannten Niederschriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert von der Namensschreibweise „Judenstrasse“ überzeugt (1580 „Jeudestraat“ - 1645/1685 „Judestrass“), dann würde ich sagen; „Hier liegt eine unberechtigte Straßenbezeichnung vor“. Denn es ist weder zu irgendeiner Zeit eine größere Ansiedlung von Juden im Eupener Raum nachgewiesen, noch entspricht die volkssprachliche Straßenbenennung „Jöes-stroot“ dem Dialektwort für Juden (= Jüdde). „JOES“ - „Jöes“ war in alter Zeit die Schreib- und Ausdrucksweise für den männlichen Vornamen „Johann“ (in der lateinischen Abkürzung „Joes“). Es liegt daher die Vermutung nahe, dass der heilige Johannes, dem schon im 17. Jahrhundert das nahegelegene „Heiligenhäuschen auf dem Berg“, die spätere Bergkapelle geweiht war und ist, der Straße ihren Namen gab. Irgend ein „Formfehler“ machte irgendwann (und zwar schon in früher Zeit) aus einem „Jöös“ ein „Jütt“ und damit die Bezeichnung „Judenstrasse“, wobei man es dann auch über Jahrhunderte hinweg beließ. Und so wollen wir es auch dabei belassen. Denn keiner der vielen Bewohner dieser traditionellen Eupener Straße möchte wohl eine Umänderung des alten Straßennamens. In alter Zeit wurde diese Straße auch „Judengasse“ genannt. Die Judenstraße wurde 1852 teils neu gepflastert, „theils neu chaussiert“.

Der mit Gestrüpp bestandene Bergabhang zwischen dem heutigen Olengraben und der Edelstraße – der Haasberg – bildete den Übergang vom großen herzoglichen Wald zum frühen Eupener Siedlungsgebiet. Ob diese Grenze auch für den doppelten Straßenverlauf in der Judenstraße verantwortlich ist, ist nicht eindeutig erwiesen. Laut einer undatierten Grenzbeschreibung, die vermutlich aus der Regierungszeit der Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) stammt, verlief die besagte Grenze damals über die Ibernwiesen. Doch könnte es vorher anderes gewesen sein. Bis zur Abzweigung der Edelstraße – des Äsel – weist die Judenstraße ja eine außergewöhnliche Breite auf. Die Judenstraße war übrigens einer der drei Eupener Verkehrswege, die schon vor 1873 das Attribut Straße im Namen führten. Unter der Nazi-Herrschaft wurde aus der Judenstraße die „Rötgener Straße“.


58. Der schreckliche Brand an der Judenstraße

Am Sonntag, dem 6. Januar 1867, riss das Sturmgeläut aus dem Türmchen der Bergkapelle die Nachbarn aus dem Schlaf. Fast gleichzeitig ertönten die Hörner der Nachtwächter und verkündeten den Ausbruch eines Brandes. Das Eckhaus Nr. 948 an der Judenstraße, das heute die Nummer 9 trägt, brannte lichterloh, noch weiter angefacht durch einen gewaltigen Sturmwind. Haushohe Flammen und Funkengarben stiegen aus dem brennenden Haus in den Himmel. Die Nachbarn aus weitem Umkreis des Hauses eilten zur Hilfe herbei, wohl wissend, dass sich dieser Brand, durch den herrschenden Sturm, leicht auf das ganze Bergviertel ausdehnen konnte. Dennoch verging geraume Zeit bis zum Beginn der Löscharbeiten. Durch den herrschenden starken Frost waren die beiden wichtigsten Wasserstellen der Umgebung, der „Bernesch-“ und der „Heinens-Pfuhl“ so stark zugefroren, dass auch ein Aufhacken keinen Erfolg brachte. Zwei Brunnen in der Nachbarschaft waren im Handumdrehen leergeschöpft. Zudem hatte sich die Stadtverwaltung, trotz jahrelangen Herumredens, bisher nicht zu der Aufstellung einer schlagkräftigen Feuerwehr entscheiden können.

So waren die vielen Helfer zur Untätigkeit gezwungen, obwohl Spritzen und Feuerleitern an der Bergkapelle bereit standen. Endlich, gegen 7 Uhr – als kaum mehr etwas zu retten war – kam eine geringe Menge Wasser. Der Fuhrmann Heinrich Nahoe hatte in der Nähe des Waisenhauses ein gefülltes Wasserfass aufgetrieben und brachte es zur Brandstelle, wo es im Handumdrehen mit Brandeimern leergeschöpft wurde, doch war zu diesem Zeitpunkt das Haus beinahe völlig niedergebrannt. Nur das Feuer am Dachstuhl des angrenzenden Hauses konnte gelöscht werden.

Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht, dass der Hausbesitzer, Landwirt Franz Notai, und sein jüngster Sohn in den Flammen umgekommen seien. Lesen wir dazu im Bericht des Polizeikommissars Siebels:

„...Der Brand ist durch brennende Kohlen, welche aus einem geheizten Ofen auf die Diele gefallen sind, entstanden… Der Versuch, sich über die Treppe durch die Haustür zu flüchten, misslang, weil die Treppe bereits brannte; sie hatten keinen anderen Ausweg, als durch den mit dem Wohnhause in Verbindung stehenden Heuboden, durch welchen sich zwei Angehörige der Verunglückten, die Ehefrau des Notai und der 24jährige Sohn Victor, sowie ein gewisser Leonard Pelzer mittelst einer Öffnung in den Viehstall und von da aus ins Freie flüchteten. Als die beiden Verunglückten aber sich auf demselben Wege retten wollten, war der Heuboden bereits so mit Rauch erfüllt, dass sie wahrscheinlich durch den Rauch erstickt und von den eindringenden Flammen verzehrt sind...“ Von den Verunglückten wird keine andere Spur gefunden als der Teil eines menschlichen Knochens, der durch Dr. Hirte als zu einem Zehn- bis Elfjährigen gehörig identifiziert wird.

Dieser Bericht, in dem die Flucht über den Heuboden in den Viehstall und von da aus ins Freie beschrieben wird, bedarf einer Erläuterung : Für Häuser, die man in einer Hanglage erbaute, hatte man in Eupen eine Bauweise entwickelt, die gleichermaßen sparsam wie originell war. Diese Häuser hatten keinen Keller. An seiner Stelle entstand hier der Stall, dessen hinterer Teil in den Hang hineingebaut wurde und der an der tieferen Seite einen ebenerdigen Ausgang hatte. Darüber entstand das Wohnhaus, dessen Eingang zum Erdgeschoss sich an einer höheren Stelle des Hanges befand. Von dort aus war auch das erste Stockwerk über die Treppe erreichbar. Das Dachgeschoss diente der Lagerung des Heus, das über eine Luke an der Giebelseite des Hauses eingebracht wurde. Für die spätere Verfütterung wurde das Heu durch einen Schacht im Innern des Hauses direkt in den Stall hinabgeworfen. Dieser Schacht, im Volksmund „Höpiep“ genannt, durchquerte die bewohnten Stockwerke meist in einer Hausecke. So wird verständlich, dass – wie im Bericht angegeben – die Familie, als sie die nach unten führende Treppe nicht mehr benutzen konnte, auf den Heuboden ins Dachgeschoss stieg, um sich von dort aus durch die „Höpiep“ zu retten.

Aus Erzählungen, die wir von alten Anwohnern des Bergviertels hörten, ging hervor, dass sich Frau Notai bei ihrer Flucht durch die Höpiep beim Absprung in den Stall an den Hörnern der verendeten Kühe erheblich verletzt hatte. Weiter hörten wir in diesen Erzählungen, dass der im Feuer umgekommene Hubert Franz Notai wohl wegen seines enormen Leibesumfanges in der Höpiep stecken geblieben sei, seinen kleinen Sohn auf den Schultern. Leuten mit überdurchschnittlichem Appetit gab man damals noch den Rat, diesen Appetit etwas zu zügeln, damit es ihnen nicht einmal gehe wie „Nottiken ä gen Höpiep“.

Nicht nur zwei Todesopfer waren bei diesem Brand zu beklagen. Offenbar hatten auch die Nachbarshäuser unter der Feuerbrunst gelitten. Durch den Brand werden auch einige Arbeiterfamilien obdachlos, für die auf Anregung des Landrates eine Sammelaktion durchgeführt wird.

Der tödlich verunglückte Familienvater, Hubert Franz Notet, der in der Sterbeurkunde als „Handelsmann“ erscheint, hatte sich offenbar zunächst in seinem Haus an der Judenstraße als Gerber niedergelassen, denn im Jahre 1842 stellt er den Antrag, dort eine Lohgerberei einrichten zu dürfen. Die Lage scheint uns zwar etwas eigenartig, aber er hatte wahrscheinlich erkannt, dass auch auf der Höhe des Berges immer ein genügender Wasservorrat für die Ausübung dieses Berufes vorhanden war. In dem diesbezüglichen Gutachten der Kreisverwaltung heißt es u.a.: „...Erlaubnis soll nur erteilt werden, unter der Bedingung, dass die Lohgerberbrühe nicht durch die Senklöcher dringe und so den hinter den Notetschen Hause gelegenen, sehr begangenen Kirchenweg, sowie den daselbst befindlichen öffentlichen Brunnen verunreinige.“

Der Brand und die Schwierigkeiten bei der Bekämpfung hatte die Gemüter der Eupener gewaltig erregt. Der Stadtrat konnte nun die jahrelange Forderung der Bevölkerung und die Vorwürfe der Regierung wegen des Fehlens einer organisierten Feuerwehr nicht länger ignorieren. Schon eine Woche nach dem Brand, am 14. Januar, hatte er die Zusage von acht Eupener Bürgern, die bereit waren, Führungsstellen in der neuen Feuerwehr zu übernehmen. Am 21. Januar erschien die Feuerwehrordnung (von 1860!) in der Zeitung, und am 25. Januar lagen bei der Stadt schon 20 Anmeldungen für die Löschmannschaft vor.

Die Leitern der Sektion C der Eupener Feuerwehr wurden unter einem Schutzdach an der Bergkapelle aufbewahrt. | Foto: C. Laue

 

Das erste Bild hier unten stammt aus dem Jahr 1865, also aus der Zeit kurz vor der Brandkatastrophe.