Heute blicken wir an den Rand des Bergviertels, wo sich mit dem Alten Schlachthof ein Kulturzentrum mit regionaler Bedeutung befindet, das auf eine lange Geschichte als 'öffentliches Gebäude' zurückblicken kann, wie wir den unten stehenden Artikeln entnehmen...

 

37. Der Schlachthof am Rotenberg

Vor nunmehr 115 Jahren befasste sich die damalige Schlachthauskommission mit dem Bau eines städtischen Schlachthauses in Eupen. Zu diesem Zweck hatte sie den mit der Ausführung des Bauwerks beauftragten Dürener Architekten Walter Frese eingeladen.
Seit Erlass des Gesetzes über die Errichtung öffentlicher, ausschließlich zu benutzender Schlachthäuser vom 18. März 1868 stand auch in Eupen die Frage einer solchen Anlage auf der Tagesordnung. In dieser langen Zeit sind Projekte erstellt und wieder verworfen worden. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die Hauptursache des Nichtzustandekommens derselben auf den Mangel an Wasser zurückführt, unter dem bis zum Jahre 1902 die Stadt zu leiden hatte. Durch die in diesem Jahr vollendete Zuleitung zur Clouse wurde eine ausreichende Wasserversorgung sichergestellt und auch das Wasserwerk in den Stand versetzt, der erheblichen Inanspruchnahme durch einen Schlachthof Rechnung tragen zu können. Die Verwirklichung dieses Projekts in Verbindung mit dem in den Kreisen der Bevölkerung stets lebhafter werdenden Wunsch, eine solche im gesundheitlichen wie wirtschaftlichen Interesse der Stadt gleich bedeutsame Anlage zu erhalten, gab den Anstoß, dieser Frage nunmehr ernstlich näher zu treten und dieselbe zu einem endgültigen Abschluss zu bringen. Am geeignetesten wurde hierfür eine Wiese des städtischen Waisenhauses in den Ettersten befunden.
Eine städtische Kommission besuchte die Schlachthöfe von Düren und Eschweiler, um sich ein Bild von derartigen Anlagen zu machen. Mit der Ausführung des Projekts beauftragte man den Dürener Architekten Frese, der auch den Bau des dortigen, unlängst fertiggestellten großartigen Schlachthofes geleitet hatte. Dieser legte dann die detaillierten Pläne zum Bau eines solchen Hauses in den Ettersten vor. Nach eingehender Prüfung wurden sie von der Kommission angenommen. Diese wurden dann mit den diesbezüglichen eingeholten Kostenvoranschlägen der Stadtverordnetenversammlung vom 22. August 1902 zur Begutachtung und zur Beschlussfassung vorgelegt. Nach den Plänen war vorgesehen, dass die Grundarbeiten noch vor Einbruch des Winters in Angriff genommen werden sollten. In einer geheimen Sitzung des Stadtrates vom 24. September 1902 wurde dem niedrigsten Angebot der Zuschlag zum Bau des Schlachthofes gegeben. Dem Betrieb Max Heck an der Nörether Straße wurde der Auftrag zur Ausführung der Erd- und Mauerarbeiten gegeben. Kostenpunkt: 46558 Mark. Der Schreinermeister Wilhelm Berg, Bergstraße 58, erhielt den Auftrag zur Ausführung der Zimmerarbeiten zum Preis von 8060 Mark.
Am 6. Oktober 1902 erfolgte die Grundsteinlegung. Unweit der Baustelle Ettersten hatte man ein Baubüro errichtet. Ohne unvorhergesehene Schwierigkeiten gingen die Arbeiten zügig voran, so dass am 21. August 1903 der Eupener Schlachthof fix und fertig da stand.
Anhand des »Correspondenzblattes« können wir über die feierliche Eröffnung ausführlich berichten. So schrieb man: »Der gestrige Tag bezeichnet in der Fleischversorgung unserer Stadt einen Wendepunkt, der schon mit Rücksicht auf die spätere Ortsgeschichte eine besondere Besprechung verdient. Das viel ersehnte und viel bekrittelte »Schlachthaus« steht endlich fertig da, und zwar als eine stolze Anlage, die auch einer größeren Stadt als Eupen Ehre machen würde.
Zu der gestrigen Eröffnung des Schlachthofes hatten sich der Magistrat, die Stadtverordneten, die Mitglieder der Fachkommission, die Handwerksmeister, welche Arbeiten für den Bau ausgeführt haben, sowie zahlreiche Interessenten in den Ettersten eingefunden«.
Vor Betreten der Gebäulichkeiten hielt Oberbürgermeister Theodor Mooren (1881-1905) am Haupteingang auf dem Hof eine Festansprache, in der er auf die Bedeutung eines öffentlichen Schlachthofes auch für die kleinste Stadt besonders in gesundheitlicher Beziehung hinwies. Er bedankte sich auch bei den Stadtverordneten, die ihm die Mittel zur Verwirklichung des Werkes bewilligt hätten, und namentlich dem Herrn Beigeordneten Arthur Peters seine Anerkennung aussprach, der während seiner Abwesenheit die Arrondierung des Baugeländes und die Regelung des Stadtbaches so gut geleitet habe.
Nachdem er dann noch dem Architekten Frese, der den Entwurf zu dem Ganzen geliefert habe, dem Ingenieur Wettlaufer, der ständig die Aufsicht über den Bau geführt habe, und allen Handwerksmeistern, welche an den Arbeiten beteiligt gewesen seien, gedankt hatte, überreichte der Bürgermeister dem Schlachthofdirektor Bolsinger die Schlüssel des Schlachthofes und übergab diesen damit dem öffentlichen Gebrauch. Dieser sagte dann in einer Ansprache: ‚Mit dem Antritt seines Amtes übernehme er schwere Pflichten, da sie im Wesentlichen den Schutz der menschlichen Gesundheit bezweckten und deshalb der allgemeinen Wohlfahrt dienten, aber zugleich übernehme er aber auch Rechte, und zwar Rechte, ohne welche jene Pflichten nicht zu erfüllen seien. Er sei sich bewusst, dass diese Rechte ihn zwingen würden, zuweilen in die Privatinteressen der Metzger, die fortan das Schlachthaus zu benutzen gesetzlich gehalten seien, empfindlich einzugreifen. Erfahrungsgemäß habe dieser Umstand in vielen Fällen zu Meinungsverschiedenheiten, zu Anfeindungen, und sogar zu unerträglichen Feindseligkeiten der Gewerbetreibenden dem Schlachthofleiter gegenüber geführt, aber er habe das feste Vertrauen, dass diese Metzgerschaft ihn in der Ausübung seiner Pflichten nicht behindern, sondern ihm vielmehr behilflich sein werde, den Eupener Schlachthof zu einer Stätte friedlicher Arbeit zu machen. Nur dann könne der hohe Zweck der neuen Anlage, einerseits der Gesundheit der Bürger zu dienen, andererseits die gewerblichen Interessen der Metzger zu fördern, errichtet werden.’«
Errungenschaften
Das Gebäude an sich machte mit seinem gediegenen und dabei doch zierlichen Stil einen großartigen Eindruck auf die zahlreich geladenen Gäste. Groß angelegte Blumen- und Grünanlagen waren noch geplant und sollten in Kürze angelegt werden. Das Innere des Gebäudes verriet überall die Verwertung der neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der Technik und der Baukunst. Links vorne am Eingang war das Verwaltungsgebäude mit der Kasse, einem Direktionszimmer, einem Zimmer für die Trichinenbeschauer und hier befanden sich auch die Wohnungen des Direktors und des Hallenmeisters.
Rechterseits befanden sich straßenwärts die Freibank und das Laboratorium, daran anschließend waren die Stallungen für die Fuhrpferde und Zughunde der Metzger. Ging man jetzt geradeaus weiter, so gelangte man zunächst in die geräumige Schlachthalle für Großvieh, Kälber usw. Hier wurden die Tiere durch einen kaum hörbaren Schuss ins Gehirn blitzschnell getötet, sodass jede Quälerei ausgeschlossen war.
Dann wurde das getötete Tier mittels verstellbaren Patentspreizen aufgehangen und dann an einen Laufkran befestigt, durch den es mit größter Leichtigkeit in den Vorkühlraum befördert werden konnte. Nach der Abkühlung kam das Fleisch in die eigentlichen Kühlzellen. Es konnte hier ungefähr drei Monate aufbewahrt werden, ohne seinen Wert als Nahrungsmittel zu verlieren, jedoch war es nach ärztlichem Gutachten am zartesten und schmackhaftesten, wenn es etwa 10 Tage in der Kühlzelle gehangen hatte. Das Fleisch der geschlachteten Tiere wurde auf dem Transportgleis automatisch gewogen.
In der Schweineschlachthalle konnten täglich bis zu 60 Tiere geschlachtet werden. Nach der Schlachtung wurden die Schweine in einem mächtigen Brühkessel abgebrüht und dann fertig zerlegt. Beanstandetes Fleisch kam in besondere, innen so eingerichtete Behälter, dass von Unbefugten nichts mehr herausgeholt werden konnte, wodurch ein Verkauf von schlechtem Fleisch völlig ausgeschlossen war.
Die Kuddelei…
Den Schlachthallen gegenüber befanden sich die Stallungen für Groß- und Kleinvieh sowie die Kuddelei, in der die Gedärme usw. gereinigt werden konnten. Der Darminhalt wurde mit Kalk gemischt und so in ein vorzügliches Düngemittel verwandelt.
Getrennt von den Hauptschlachthallen lagen das so genannte Sanitätsschlachthaus für krankheitsverdächtiges Vieh und das Pferdeschlachthaus. Dann kam noch das Maschinenschlachthaus. Hier waren zwei Dampfkessel, die abwechselnd benutzt wurden, um den Dampf für die dreißigpferdige Maschine zu erzeugen. Diese war mit einer Ammoniakeismaschine gekuppelt, welche täglich 25 bis 30 Zentner Eis liefern konnte. Daneben lag der Raum, wo der Sterilisator untergebracht war. Dort wurde das nicht ganz vollwertige Fleisch gedämpft, um schließlich auf der Freibank verkauft zu werden. Weit hinter den großen Schlachthallen befanden sich die großen Kläranlagen, in welchem die Abwässer des Schlachthofes gereinigt wurden, ehe sie schließlich im Stadtbach einflossen.
Die ganzen Schlachtgebäude waren mit Gasbeleuchtung und Luftheizung versehen. Sämtliche Fußböden waren zementiert und die Wände in den Schlachthallen mit weißen Glasurplatten bekleidet. Überall achtete man auf peinlichste Sauberkeit.
Zur Eröffnung des Schachthausbetriebes hatten der Obermeister der Metzgerinnung einen prächtigen bekränzten Ochsen sowie zwei andere Metzgermeister zwei Mastkälber und ein Schwein dem Schlachthof zuführen lassen. »Die vor den Augen der Besucher vorgenommene Schlachtung des Ochsen vollzog sich mit einer verblüffenden Sicherheit und Schnelligkeit…«. Eine Woche lang konnten interessierte Bürger den neuen Schlachthof, der nach den modernsten und fortschrittlichsten Erkenntnissen errichtet worden war, in Augenschein nehmen.
Die Befürchtungen der Bevölkerung, durch die Anlage und Betriebskosten würden die Fleischpreise erheblich steigen, erwiesen sich als unbegründet. Andererseits kam die Genugtuung zum Ausdruck, eine Einrichtung zu besitzen, deren Zweck die Versorgung der Einwohnerschaft mit einwandfreiem Fleisch bildete.
Die 59 Metzgerläden, die Eupen damals zählte, eine im Vergleich zur Einwohnerzahl sehr stattliche Menge, besaßen noch keine Kühlschränke. Im neuen Schlachthof befanden sich auch die ersten Kühlanlagen. Die ganzen Schlachtgebäude waren mit Gasbeleuchtung und Luftheizung versehen. Die Befürchtungen der Bevölkerung, durch die Anlage und Betriebskosten würden die Fleischpreise erheblich steigen, erwiesen sich als unbegründet.

Kurmilchanstalt und Milchrestauration
Da in Eupen zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Säuglingssterblichkeit ziemlich hoch war, beschloss das Stadtverordnetenkollegium am 30. Januar 1906, zur Erinnerung an die Silberhochzeit Seiner Majestät des Kaisers und Ihrer Majestät der Kaiserin eine Säuglingsmilchanstalt in der Kurmilchanstalt am Schlachthof zu errichten. Die Anstalt unterstand der Aufsicht und der Verwaltung der städtischen Armenverwaltung, die Leitung wurde dem Schlachthofdirektor Bolsinger übertragen.
Im Adressbuch und auch in anderen Broschüren stand damals ein ganzseitiges Inserat, in dem es u.a. hieß: „Die Milch wird nur von Kühen entnommen, die der Anstalt gehören und deren Gesundheitszustand einwandfrei ist. Die Bearbeitung der Milch nach Professor Biedert´s Sytem wird auf das Strengste kontrolliert und kommt daher nur in jeder Weise einwandfreie Säuglings- und Vollmilch zur Ausgabe. Bei kranken Säuglingen wird die Mischung nach Anordnung der behandelnden Ärzte vorgenommen.“
Außer Säuglingsmilch wurde auch sterilisierte und Vollmilch zum Hausgebrauch abgegeben. Ein Liter nichtsterilisierte Milch kostete ab Schlachthof 20, und ans Haus geliefert 25 Pfennige. Für den Milchverkauf ließ die Stadt Eupen eigens dafür geprägte Münzen herstellen, die auf der Vorderseite folgende Beschriftung trugen: Stadt Eupen und die laufende Nummer, die Rückseite wies auf den Zweck dieser Münzprägung hin: 1 Liter nicht sterilisierte Kurmilch.
Die Milchmarken konnte man käuflich erwerben, und alle Auskünfte ob der Milchlieferung erteilten fernmündlich das Bürgermeisteramt unter Rufnummer 82 und der Schlachthof unter Nummer 121. Für Familien, die mit 31 Mark und weniger zur Staatseinkommensteuer veranlagt waren, wurden die Preise ermäßigt. Die Ermäßigung erfolgte auf Antrag.
Lieferung mit Eiswagen
Die Ausgabe der Milch erfolgte an Wochentagen mit dem Eiswagen ins Haus, und zwar zwischen 7 und 12 Uhr morgens. Man erhielt die Milch auch nachmittags zwischen 3 und 5 Uhr am Schlachthof. An Sonn- und Feiertagen wurde nur morgens ins Haus geliefert und am Schlachthof.
Bestellungen wurden im Schlachthof entgegengenommen. Ebenfalls waren Milchmarken zum Empfang eines Liters Milch berechtigt, und diese für längere Zeit zu vorstehenden Preisen käuflich zu erwerben.
„Frische Milch“ auf einem Aushängeschild an einem Eupener Restaurant war zu dieser Zeit keine Seltenheit. Ein Glas frische Kuhmilch nach einer Wanderung war damals selbstverständlich..
Vollmilch war im Eupener Land stets ein beliebtes Getränk. Einige Weidewirte verkauften ihre gesamte Vollmilch oder einen Teil ihrer Milch in Eupen oder Aachen. Sie besaßen Pferd und Wagen und fuhren allmorgendlich in die Stadt. Dort verkauften sie nicht nur die Milch ihres eigenen Hofes, sondern zusätzlich auch Milch, die sie in den Nachbargehöften von Haus zu Haus aufgekauft hatten.
Die Städtische Kinder- und Kurmilch-Anstalt hatte auch eine eigene Milchrestauration, die täglich zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet war. Dieser Milchausschank wurde im Sommer besonders den zahlreichen Kurgästen und Passanten empfohlen.