281. Anwohnerdialog 2014

Schon zehn Jahre ist es her, dass in der Folge zu den Feierlichkeiten anlässlich des 300jährigen Jubiläums der Bergkapelle ein Viertelkomitee entstand, welches sich aus dem damaligen Festkomitee entwickelt hatte. Schon bald wurden mit Unterstützung der Stadt Eupen Anstrengungen unternommen, um künftiges Entwicklungspotential für das Bergviertel aufzuzeigen. Dazu gehörte auch ein moderierter Anwohnerdialog. Inzwischen kann man schon vergleichen, was aus den seinerzeit gesammelten Ideen und Projekten geworden ist. Übrigens: einen Link zum im Artikel erwähnten Video finden Sie weiter unten auf dieser Seite bei dem Titel "Projekte"


282. Ein Streifzug durch das Bergviertel

Von der Unterstadt aus wenden wir uns dem Haasberg zu (Haas bedeutet eigentlich mit Gestrüpp bewaldeter Abhang). Das Haus Nummer 4 nennt man „d‘r Balkong“ wegen seines Treppenaufstieges, der uns zu einer Plattform führt, die wie ein Balkon aussieht. Gegenüber dem „Balkong“ finden wir eine tiefer gelegene Häuserreihe, die in einer Ecke endet. Diese Häuser nennt man „d‘r Prummehuck“. Diesen sonderbaren Namen finden wir nochmals im Viertel Nöreth wieder. Derjenige, der ein wenig vertraut ist mit der Technik des Tuchtrocknens in der Blütezeit der Eupener Tuchindustrie, weiß den Namen der kleinen Straße zwischen Haasberg und der unteren Bergkapellstraße „ä-gen Rahme“ gleich zu deuten. Hier wurden nämlich zu dieser Zeit wegen ihrer günstigen Lage, die Tücher auf Rahmen getrocknet, wie übrigens auch noch an anderen Stellen unserer Vaterstadt. So klein „ä-gen Rahme“ auch sein mag, so finden wir doch einen eigentümlichen Namen für einen Teil, nämlich „de Lokomotiv“, womit die Häuser Nummer 9 bis 15 gemeint sind. Nun zur Edelstraße mit ihrer enormen Steigung. Im Volksmund ist sie nur als „d‘r Äsel“ (der Esel) bekannt. Hinter der Trauerweide auf der linken Seite liegt das Haus Nummer 11, welches man „d‘r Knöckel“ (der Knöchel) nennt.

Das Haus Nummer 7 nennt man „de ô Apotiek“ (die alte Apotheke). Auch sollen hier Steine des Kapellenrohbaus von der unteren Malmdyerstraße, nach dessen Abbruch bis zu ihrer Verwendung beim Bau der Bergkapelle gelagert worden sein. Der schmale Anstieg, der hinauf zur Ecke Judenstraße-Bergkapelle führt, nennt man „d‘r Hu‘ge“ (der Hohe, gemeint ist damit der hohe Haasberg). Das alte Haus Nummer 12 im Hang an der rechten Seite nennt man „Moussel“. Die Gasse, die von dem Haus zur Jugendherberge führt, nennt man „Mousselsgätzke“.

Schaut man vom Rondell in Thebaten zur Bergkapelle hin, sieht man parallel zur Bergkapellstraße einen etwas höher liegenden Weg, den sogenannten „Blockwäig“. Auf diesem „Blockwäig“ stand früher an der Ecke Neustraße ein altes Haus mit überbauter Toreinfahrt, deshalb hieß es bei den Anwohnern allgemein „aunder gen Löüv“. Etwas höher, wo heute die Siedlungshäuser der Baugenossenschaft stehen, standen vorher einige alte Häuser. Hinter einem dieser alten Häuser führte eine Einfahrt zum sogenannten „Kropettes“, hier wurden im Ersten Weltkrieg, als große Nahrungsmittelnot herrschte, auf Karten Kartoffeln verteilt, womit auch dieser eigentümliche Name erklärt wäre. Ein wenig oberhalb des Bereiches der ehemaligen französischen Schule, befand sich noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Stück Brachland, das man allgemein nur „de Bragge“ nannte. Die Moorenhöhe, welche man von der Bergkapelle und der Judenstraße aus erreicht, nennt der Volksmund „d‘r Muurekopp“. Diesen herrlichen Aussichtspunkt hat Bürgermeister Theodor Mooren in seiner Amtszeit anlegen lassen.

Auf der Judenstraße, etwas unterhalb des heutigen Einganges zum Stockbergerweg, befanden sich die „Götsche Stégele“ (Stégel = Stiege = Ein- und Ausgang an Wiesen). Zu dieser Zeit war der Stockbergerweg noch eine Wiesenlandschaft und man konnte die Hisselsgasse, die man „de Gatz“ nannte, nur zu Fuß durch „Götsche Stégele“ und über die „Wiesen-övver gen Weijer“ erreichen.

Den Bereich des städtischen Stadionkomplexes nannte man „op-ge-ne Poul“ (auf dem Pfuhl).

Die ganze Wiesenlandschaft, die heute dem FC Fußballplatz, der Feuerwehrkaserne und der Panoramastraße Platz bietet, nannte man „de Trööt“.

Gehen wir nun wieder zum Rondell oben auf dem Rotenberg. Bevor das Rondell angelegt wurde, stand hier eine Pferdetränke. Es war eine Schöpfung des Bildhauers Christian Stüttgen, der sein Atelier in einem alten Bauerngut neben dem Haus „Mon Plaisir“ in der Oestraße betrieb. Leider ist sie, als der Pferdefuhrverkehr nachließ, abgebrochen worden. Ein kleinerer Nachbau ist vor einigen Jahren inmitten des Rondells aufgestellt worden. Das Haus Nummer 47 in Thebaten nennt man „de Pääsch“ (die Presse), wie aus einem alten Kaufakt ersichtlich ist. In einem alten Mundartlied wird es auch „a-gen Päasch a-gen Honderlock“ genannt.

Den heutigen Limburger Weg, der in Thebaten beginnt, ist für die älteren Eupener immer noch „de Mömmekergatz“ (Membachergasse) geblieben. Ein Spaziergang bei klarem schönen Wetter in Richtung Membach belohnt mit einem herrlich weiten Blick über eine schöne Hecken- und Wiesenlandschaft.


 283. Ein zweiter Streifzug durch das Bergviertel

Nachdem wir beim letzten Mal einen ersten Streifzug durch das Bergviertel unternommen haben, heute eine Beschreibung aus den siebziger Jahren:

Wir biegen von der Hisselsgasse oder dem Kaperberg kommend nach rechts in die Judenstraße ein etnlang dem städtischen Stadion und sehen links auf dem Hügel das alte Sanatorium, im Laufe des ersten Weltkriegs als Kaufmanns-Erholungsheim errichtet, später Lungenheilstätte und staatliches Internat. Wenn wir unseren Weg fortsetzen sehen wir auf einem weiteren Hügel an der linken Seite die stets stark belegte Eupener Jugendherberge.

Nun gelangen wir bald in den alten Teil der Judenstraße mit seiner eigentümlichen Straßenflucht, die offenbar dokumentiert, dass sich hier ehemals die Grenze zwischen dem Grundgebiet der Herrschaft Eupen und des Herzogs von Limburg befand. Wir befinden uns im Quartier Berg und Haas. Die ganze Ausdehnung dieses Quartiers werden wir kennenlernen, wenn wir uns nun zur Moorenhöhe begeben, deren Zufahrt wir links zwischen den Häusern finden. Dieser Aussichtspunkt erhielt seinen Namen nach dem Oberbürgermeister Theodor Mooren, der sich um die Ausschmückung unserer Stadt mit Grünanlagen verdient gemacht hat. Die Moorenhöhe erhebt sich über dem Haasberg. Von hier aus blicken wir hinab in das Tal der Unterstadt, der Haas wie sie vom Eupener genannt wird, die von dem Grüngürtel des Hertogenwaldes umrahmt wird.

Ursprünglich reichte der Hertogenwald bis zur Höhe der Judenstraße hinauf. Mitten in diesem Wald, in dessen Talsohle sich die Vennbäche Weser und Hill vereinigen, grub man bereits im 15. Jahrhundert nach Eisen, das an Ort und Stelle verhüttet wurde. Der Name Hütte deutet heute noch auf diese frühere Tätigkeit hin. Der Hertogenwald lieferte die Holzkohle für die Schmelzöfen. Dann aber finden wir auch bald längs der beiden Wasserläufe Getreide- und Walkmühlen, die sich das Wasser als Antriebskraft nutzbar machen. Als im Jahre 1680 eine ausgedehnte Feintuchmanufaktur in Eupen begründet wird, werden die Walkmühlen zahlreicher und eine Reihe von Färbereien siedeln sich im Bereich der Unterstadt an. Hier sind also zunächst nur die Hilfsbetriebe der Tuchmacherei anzutreffen. Die Kaufleute haben ihren Sitz weiterhin in der Oberstadt.

Das ändert sich als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Spinnmaschinen ihren Einzug in Eupen halten. Längs der beiden Bäche entstehen eine Reihe von vier- bis fünfstöckigen Fabrikbauten, die sich das Wasser zunächst zum Antrieb ihrer Maschinen mittels Wasserrädern solange nutzbar machen, bis die Dampfmaschine ihren Einzug hält. Alle diese großen Bauten sind bis auf zwei (von hier aus nicht sichtbar) heute wieder verschwunden. Noch im Jahre 1907 entsteht eine der modernsten Kammgarnspinnereie, es ist der riesige Ziegelsteinbau halbrechts vor uns, und bald danach siedeln sich im Oetal (rechts) die Kabel- und Gummiwerke an, die sich bis heute zum größten Fabrikbetrieb der Stadt entwickelt haben.

Um die ganze Unterstadt herum liegt der Grüngürtel des Hertogenwaldes, einst Besitz des Herzogs von Limburg, hezute Staatswald. Gegen die Ablösung der Weide- und der Leseholzgerechtsame in einem Teil dieses Waldes erhielt die Stadt Eupen ausgedehnte Waldungen zum Eigentum. Setzen wir nun unseren Weg nach rechts fort, so gelangen wir bald zur Bergkapelle St. Johannes Baptist.

Um den Bewohnern des Quartiers Berg und Haas eine bequeme Möglichkeit zum Besuch des Sonntagsgottesdienstes zu verschaffen, wurde der kleine schmucklose Bau im Jahre 1712 errichtet und bereits 1729 um ein Joch nach Westen vergrößert. Aus einem Umbau im 19. Jahrhundert stammt das neoromanische Portal des Haupteinganges über dem sich die Stifterwappen Schuyl (links) und Berghe von Trips (rechts) befinden.

Die alte Ausstattung wurde bei einer Renovierung des Jahres 1961 fast vollständig entfernt. Lediglich an der Außenwand des Chores befindet sich eine beeindruckende fast lebensgroße Kreuzigungsszene des Aachener Bildhauers G. Venth (1885).

Wir setzen unseren Weg nach rechts fort und sehen auch hier wieder die Doppelstraße, die uns bereits im Bereich der Judenstraße aufgefallen war. Wir überschreiten die Neustraße und wenden uns nach links dem Oeberg zu. Diese steile Gasse schreiten wir immer links bleibend hinab. Wir befinden uns in der alten „Teichgasse“ der ehemals einzigen Verbindung zwischen dem oberen Stadtteil und dem Oetal. Etwa in der Mitte dieser Gasse zweigt rechts ein Weg ab, der ehemals von der Firma Hüffer, als Zufahrtsweg zu ihrer Fabrik in der Oe angelegt wurde. Er führt am „Waisenbüschchen“ vorbei, jenem kleinen Wäldchen, das Kaiser Karl IV im Jahre 1713 den Eupener Waisen schenkte. Wir setzen nun unseren Weg durch die „Teichgasse“ fort. Am Fuße der Gasse angekommen sehen wir links, vom Olengraben herkommend, eine kleine Gasse „Kremer‘s Bergelchen“. Am Gelände lässt sich unschwer erkennen, dass diese Gasse einst ein breiter Weg war. Er wurde von dem Fabrikanten Lepicard als Zufahrt zu dessen Fabrik angelegt. Folgen wir nun der Oestraße nach links entlang dem Oeteich, der vermutlich ein natürlicher Nebenarm der Weser war, so entdecken wir bald das große Wehr in der Weser, von dem er ausgeht. Zur Schleuse hinab führt ein Pfad, ein Überrest der alten kleinen Gasse die einzige Verbindung von der Haas zur Oe war, denn die Straße auf der wir uns befinden, vom Oeberg bis zum Olengraben, entstand erst im Jahre 1854.


285. Eine Kindheit in den 60ern

Anfang der 60er Jahre bezogen zwölf kinderreiche Arbeiterfamilien das weiß gekalkte Doppelhaus am Fuße der Bergkapellstraße. Einige altersschwache Fachwerkbauten hatten dem zweckmäßigen Betonklotz der Baugenossenschaft weichen müssen. Die einzelnen Mietwohnnungen boten lediglich für einen Vierpersonenhaushalt ausreichend Platz. Die meisten der jungen Familien waren zumindest fünfköpfig, und so mussten sie notgedrungen auf recht engem Raum leben. Ich war damals knapp vier Jahre alt, Benjamin von drei Kindern, und erlebte diesen Umzug als neugieriger Dreikäsehoch mit. Rasch freundete ich mich mit meiner neuen Umgebung an. Der mit Reihenbäumchen gesäumte Privatweg lud zum tollkühnen Seifenkistenfahren ein, und hinterm Haus herrschte zunächst herrlicher Wildwuchs, der verlockende Abenteuer verhieß. Später entstanden an dieser Stelle sauber angelegte Hobbygärten, die unsere Väter – nicht zuletzte von ihren ehrgeizigen Ehefrauen angetrieben – in übereifriger Wettkampfstimmung nach Feierabend bebauten.

Wir brauchten dem verlorenen Gartenparadies nicht nachzutrauern. Mit der Brack, halb Schuttabladeplatz und halb Spielwiese, hatten wir reichlich Platz zum Austauben. Und wenn die Brack mit Kies, Sand oder Bruchsteinen allzu überschüttet war, wichen wir für unsere Fußballspiele in die benachbarte Bauernwiese aus. Die Brack blieb unser täglicher Treffpunkt. Nach Schulschluss machten wir unsere Hausaufgaben weniger gründlich als schnell, um kein Spiel oder keinen Streich zu verpassen. Zuweilen zogen wir mit Holzgewehren und selbstgebastelten Flitzbogen zum nahe gelegenen Waisenbüschchen aus, um es den Leinwandhelden Winnetou und Old Shatterhand gleich zu tun. Wir verließen unsere still geliebte Brack, überquerten die damals verkehrsarme Kreuzung Olengraben-Rotenberg und machten das stille Laubwäldchen für einige Stunden unsicher. Die benachbarte Membacher Gasse mit ihren zahlreichen Weiden und Heuwiesen übte ebenfalls eine starke Anziehungskraft auf uns. Selbstverständlich reizte uns wieder das Verbotene. Das Versteckspiel machte erst im hohen Gras Spaß, und entlang der abgrenzenden Hecken fand sich immer ein günstiger Winkel, um ein kleines Lagerfeuer zu entfachen.

An heißen Sommertagen konnte uns die Brack nicht mehr halten. Das Wetzlarbad versprach unzählige Wasserfreuden. Wenn die Mutter nicht bei Kasse war, mussten wir mit dem kühlen Nass der Schwarzen Brücke vorliebnehmen. Mit einer Tagesration Butterbrote im Turnbeutel fuhren wir auf unseren klapprigen Rädern den steilen Olengraben hinunter. Unterwegs wollten sich bisweilen einige hochnäsige Oberstädter mit uns anlegen. Wir ließen uns jedoch durch keine Neckereien aufhalten.

Nach den großen Ferien zog es uns zum Stadion am Kehrweg. Unter dem beliebten Spielertrainer Hubert Van Dormael hatte sich die AS Eupen zu einer Spitzenelf der Promotion emporgespielt. Während die Seele der Mannschaft, Günter Brüll, das Mittelfeld beherrschte und den dicken, spurtschnellen Mario in die Gasse schickte, machten die beiden adgebrühten Abwehrrecken Werner Pirard und Karli Franssen hinten dicht. Das „Schwarzweiß allein“ war uns vertrauter als jedes Kinderlied, und sogar Kaplan Van Melsen sprang vor Freude bei jedem Eupener Tor bis an die Decke der Sitztribüne. Ende September gab es ausnahmsweise eine Tüte Fritten auf der Hääser Kirmes. Unsere Kirmes war zwar kleiner als die der Oberstädter, dafür war die Stimmung im engen Schilsweg ungezwungener und herzlicher. Der kühlere und häufig verregnete Oktober bescherte uns die heißbegehrten Kastanien, um die wir uns oft zankten. Wer vor dem Frühstück das Rondell und den kleinen Hang zum Olengraben hin nach den braunen Baumfrüchten absuchte, hatte die größten Chancen auf Erfolg.

In den Weihnachtsferien gab es den langersehnten ersten Schnee, der unser ruhiges Städtchen in eine weiße Winterlandschaft tauchte. Hinter den halbbefrorenen Fenstern amüsierten wir uns köstlich über die ungewollten Rutschpartien einiger mutiger Autofahrer. Nach dem Mittagessen wurden die Schlitten mit Speckschwarten eingeschmiert und kurz darauf trafen wir uns auf der Rotenbergwiese zu einer rasanten Rodelpartie. Beim Wettfahren vergaßen wir schnell die klirrende Kälte, die nur die Jüngsten und Zimperlichsten zum Heimgehen zwang.

Der Februar gehörte den ausgelassenen Karnevalsjecken. Der Berger Block hatte die Macht an sich gerissen; er stellte in diesem Jahr den Prinzen. Das Bergviertel stand während den drei tollen Tagen zeitweise kopf. Der ansonsten bierernste Präsident des traditionellen Vereins, unser rühriger Nachbar, machte eine fröhliche Miene zum hektischen Narrenspiel. Das Gesellenhaus in der Bergstraße hatte man prächtig ausgeschmückt und zum Prinzenpalast erkoren. Lautsprecherwagen versprühten deftige Stimmungsmusik und verwandelten die belebten Straßen rund um die Bergkapelle vorübergehend in einen riesigen Tanzsaal. Wir verschossen indessen hunderte Schreckschusspatronen bei scheinbar unerbittlichen Duellen und rafften möglichst viele Süßigkeiten zusammen. Die karge Fastenzeit musste schadlos überlebt werden.

Die Osterferien läuteten den Frühling mit einiger Verspätung ein. Bald darauf trugen die verblühten Reihenbäumchen ihre wilden, kirschähnlichen Früchte und wiesen unaufdringlich den Weg zur Bergkapelle, die ein wenig erhaben auf dem Hügel thronte. In ihren Mauern wurden sonntags Kurzmessen abgehalten, und später versammelten sich hier die Spanier Eupens zur gemeinsamen Eucharistiefeier. Soeben läutete die kleine Glocke pünktlich zu Mittag. Der zuverlässige Küster, der seinen Frühschoppen für kurze Zeit unterbrechen musste, hatte leicht benebelt den Glockenstrang betätigt. Draußen wehte ein lauer Frühlingswind durch das wiedererwachte Geäst der Kastanienbäume. Zahlreiche Insekten bevölkerten die Rosenbeete, und einige Schwalben nisteten unter dem Dach unseres Doppelhauses. Die Schwarzweißen mussten heute zu einem vorentscheidenden Spiel um den Aufstieg in die Dritte Division antreten. Sogar Schöffe August Pitsch, unser lieber Nachbar, machte sich mit einem sonnenschützenden Filzhut gemächlich auf den Weg zum Stadion. Wenig später holten mich einige Kameraden zum Spiel ab. Unterwegs bummelten wir mächtig, hänselten den selbsternannten Feldhüter Josef, der zu jeder Tageszeit betrunken war, und trafen mit enormer Verspätung zur zweiten Halbzeit ein. Die „Alliance Sportive“ stand verdientermaßen mit 1-0 in Führung. Aber weder das Resultat noch das Match interessierte uns. Das herrliche Sommerwetter hatte uns vollkommen den Kopf verdreht. Uns war wie oft nach Streichen und Abenteuern zumute...

(Quelle: „Aus Eupener Kindertagen“ von Gerd Havenith)


288. Automobile und die „Berge“ des Bergviertels

Um die Jahrhundertwende stellte man die ersten automatischen Verkehrsmittel, die Automobile, her. Es war die verblüffendste Erfindung jener Zeit und hielt ganz Europa in Atem. Die Leute brannten vor Neugierde und konnten es kaum erwarten, so etwas mit eigenen Augen zu sehen.

Bald schon kam das erste Automobil mit eigener Kraft die Monschauerstraße heruntergefahren. Die wie Nordpolfahrer bekleideten Automobilisten stiegen feierlich aus, um bei Carabin (Schilsweg) ihr Mittagsmahl zu halten. Gerade waren die Schulen aus, und wie Schulbuben überall sind, Jungens und Mädchen umdrängten das neuartige Gefährt. Zornentbrannt kamen die Autofahrer, mit der Serviette um den Hals, aus der Wirtschaft und verjagten die „Lausebengels und Rotzjungens“. Nachher ging die Fahrt weiter, und der Wagen kam glücklich, umschwärmt von der Kinderschar, bis unten an den Olengraben. Aber da war es aus, endgültig aus: das Fahrzeug bockte und wollte nicht mehr den Olengraben hinauffahren. Da war guter Rat teuer! Die Kraftfahrer änderten plötzlich ihre Tonart und baten die „lieben Kinder“ sie möchten ihnen helfen den Wagen hinaufzuschieben. Die „lieben Kinder“ blieben jedoch auch der neuen Anrede gegenüber taub, und den Pionieren des heutigen Kraftzeugverkehrs bliebt nichts anderes übrig, als sich zwei Mietgäule zu bestellen, die den Wagen bis oben auf die Neustraße zogen.

Die Familie Bourseaux betrieb auf der Neustraße eine Seilerei, die um die Jahrhundertwende bereits über 150 Jahre bestand. Mit der Erfindung der Elektrizität stellte sie den Betrieb auf das Verseilen von Kupferdrähten um und verlegte die Fabrik in die Unterstadt, da das Haus auf der Neustraße den räumlichen Anforderungen nicht mehr gerecht wurde. Das Unternehmen hatte schnell Erfolg und florierte immer mehr, so dass die Firma um das Jahr 1916 finanziell in der Lage war, den ersten Lieferwagen bei der Firma Kalscheuer zu bestellen. Das noch unerprobte Fahrzeug wurde im Lager mit schweren Rollen Kabel beladen und verließ das Werksgelände in Richtung Bahnhof in der Oberstadt. In der Unterstadt hatten sich viele Zuschauer eingefunden, um den ersten Start des Lastkraftwagens persönlich mitzuerleben. Unter ihnen auch Fuhrleute, die befürchteten, sie könnten durch die Entwicklung der Technik ihren Arbeitsplatz verlieren. Endlich bog das riesiege Fahrzeug um die Ecke Haasstraße und setzte laut polternd die Fahrt in Richtung Olengraben fort. Es machte einen enormen Krach, denn die Bereifung war aus bloßem Eisen. Ein dumpfes Raunen ging durch die Zuschauermenge, als das Auto mehrmals ansetzte, um die Steigung des Olengrabens zu bewältigen. Doch jedes Mal rutschte es auf dem holprigen, steilen Pflaster ab. Der unerfahrene Chauffeur verlor langsam die Nerven und sah sich gezwungen aufzugeben. Die neugierigen Eupener bedauerten diesen Misserfolg, und die Fuhrleute lachten sich heimlich ins Fäustchen, denn scheinbar war das Wunder der Technik noch lange nicht reif genug, ihnen den Broterwerb streitig zu machen.

Wenige Monate später startete man einen zweiten Versuch mit einem verbesserten Lieferwagen. Die Eisenreifen waren entfernt und durch Vollgummireifen, die bei der Firma Pascal Heck auf der Aachener Straße gepresst wurden, ersetzt worden. Mühelos nahm das Gefährt diesmal die steile Hürde des Olengrabens und setzte seine Fahrt ungestört fort. Die Berge des Bergviertels waren erobert.


289. Die ältesten Photographien des Bergviertels

Im Sommer 1864 kam der 1839 in Bernshausen (Landkreis Schmalkalden-Meiningen in Thüringen) geborene Fotograf Christian Carl Laue nach Eupen und eröffnete im Haus Gospert 634 (heute 102 oder 104) ein „Photographisches Atelier“.  Im Eupener Adressbuch von 1865 werden unter den Gewerbetreibenden zwei Fotografen genannt: Josef Mattar, wohnhaft Am Berg, und Carl Laue, der zur Kirmes 1864 sein Geschäft in der Gospertstraße eröffnete. Sogleich machte sich der junge Lichtbildner daran, Ansichten seiner Wahlheimat auf fotografische Glasplatten zu bannen.

Abzüge dieser Fotografien pries er in einer Annonce im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen an: „Im empfehle 50 verschiedene Ansichten von Eupen und dem Inneren der Stadt, als größere Bilder sowohl in Visit- und Stereoscopformat. Diese Bilder liegen zu jedermanns gefälliger Ansicht in meiner Wohnung aus. Das Dutzend Stereoscopbilder nach eigener Auswahl zu 3 Rth. Visitansichten à Dutzzend 2 Rth. Im Einzelnen 7 ½ Sgr.“

Zum Betrachten der Stereoscopbilder bot Carl Laue auch Apparate an mit denen die erwünschte räumliche Wirkung der Ansichten erreicht werden konnte. Als Visitansichten bezeichnete man damals Fotos im Format 6x9 Zentimeter.

Die Stereoscopfotos von Carl Laue können hier leider nur als Flachansichten wiedergegeben werden, doch auch so geben sie einen lebendigen Eindruck vom Bergviertel im Jahre 1864.

Von 1873 bis zu seinem Tod 1883 betrieb Laue sein Photographisches Atelier in der Neustraße Nr. 15. Nach seinem Tod überließ seine Witwe Wohnung und Atelier den Fotografen Burghard & Franken.

Caspar Franken eröffnete 1886 ein eigenes Studio auf der Neustraße. Im Laufe der Jahre baute Caspar Franken sein Unternehmen aus: 1888 übernahm er das benachbarte Geschäft des Fotografen Alex Köppelmann. 1889 mietete Caspar Franken beim Nachbarn Mathias Mauerer weitere Räumlichkeiten an. Als Mauerer 1894 verstarb, erwarb Franken die Immobilie mitsamt den verbliebenen Hypotheken.

Aus dem Jahre 1898 stammt das ebenfalls sehr bekannte Bild von der unteren Neustrasse mit Blick auf die Oberstadt samt Nikolaus-Kirche noch ohne die heute charakterischen Türme.

 

Hintergrund

1864 : In Belgien wird das Streikrecht eingeführt und die Gründung von Gewerkschaften wird genehmigt. Die Hauptstadt Italiens wird von Turin nach Florenz verlegt. In Polen bricht nach einem Jahr der Januaraufstand gegen die russische Fremdherrschaft zusammen. Dänemark verliert die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen und Österreich. Ein Jahr nach der Gründung des internationalen Roten Kreuzes wird im August in Genf die Genfer Konvention unterzeichnet. In Mexiko beginnt mit Maximilian Ferdinand das zweite Kaiserreich. In Amerika tobt seit vier Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Abraham Lincoln wird als amerikanischer Präsident wiedergewählt.


297. Von der Judenstraße zum Berggässchen


301. Die Straßenschlacht

Es war Ende Dezember. Ich feierte bald meinen zwölften Geburtstag. Es hatte leider keine weiße Weihnacht gegeben. Das Christkind hatte mir einen Schlitten geschenkt, und nun sehnte ich mich nach dem ersten Schnee.

Der Winter verbarg sich noch. Stürme heulten, und seit Heiligabend fiel ein dünner Regen, der sich zuweilen in nassen Schnee verwandelte. Die Straßen waren schwer gangbar und die vereinzelten Autos, die sich die Bergkapelle oder den Olengraben heraufwagten, hatten Mühe, sich eine Spur durch den Schneematsch zu bahnen. Der Tag dauerte nur acht Stunden, und das Tageslicht floss spärlich in unsere Wohnung.

Am zweiten Weihnachtstag setzte plötzlich Frost ein. Der Nieselregen hörte auf, die Luft wurde eisig kalt und die grauweißen Wolkenmeere versprachen den ersten richtigen Schnee. Ich hatte mit meinem Vater meinen Patenonkel auf der Simarstraße besucht, und abends, als wir heimkehrten, öffnete sich endlich der Himmel und ließ es schneien. In der Klosterstraße tanzten die dicken Flocken auf die weihnachtliche Straßenbeleuchtung, deren grelles Licht sich in den festliche geschmückten Schaufenstern wiederspiegelte. Die St. Nikolaus-Pfarrkirche grüßte uns mit ihrem weißen Haupt wie eine alte, ehrwürdige Dame. Der Marktplatz war merkwürdig leer; nur einige ältere Männer mit dicken Festtagszigarren lasen das Neueste in den Schaukästen des „Grenz-Echo“. Auch unten am Berg trafen wir keine Bekannten. Die Stadt schien wie ausgestorben; lediglich die hell erleuchteten Wohnstuben zeugten von gemütlicher Wärme bei Krippe und Christbaum. Aus dem „Rolandseck“ drangen bierselige Weihnachtslieder. Männer ohne rechten Familienanschluss betäubten ihre Einsamkeit mit Alkohol.

Inzwischen lagen die leeren Straßen in weißer Pracht. Der Schnee knirschte unter meinen hohen Lederschuhen. Das „Capitol“ war geschlossen. Trotzdem warb eine Voranzeige für einen Karl May-Film, den ich mir mit Sicherheit ansehen würde.

Am folgenden Tag lief ich sofort nach dem Mittagessen zu unserer Rodelwiese auf dem Rotenberg. Hier herrschte Hochbetrieb. Kinder von der Bergkapelle und vom Rotenberg zankten sich um die besten Startplätze. Das dicke Peterchen vom Rotenberg wartete ungeduldig den Andrang oben auf der Wiese ab, um seine ersten Skiversuche zu wagen. Von Schneepflug und Gewichtsverlagerung wusste er allerdings noch nichts, und so flog er ständig hin.

Er wurde rasch zur Zielscheibe unseres Spotts. „Ja, hätte das Peterchen um Weihnachten nicht so viel gegessen!“, rief der blonde Jürgen, der für sein loses Mundwerk bekannt war. Peterchen drehte sich böse nach ihm um, aber ehe er etwas erwidern konnten hatte er sein Gleichgewicht auf den Brettern verloren und saß auf seinen vier Buchstaben. Wir lachten lauthals auf. Jürgen stänkerte weiter und meinte: „Hör bloß mit deinem Skifahren auf! Du machst uns die ganze Piste kaputt!“

Nun wurde es dem Peterchen zu bunt. Er schnallte seine Skier ab, rief seine Freunde herbei und beriet sich leise mit ihnen. Wenig später gerieten wir stark unter Beschuss. Peterchens Bande feuerte mit Schneebällen aus allen Rohren. Wir sprangen von unseren Schlitten und Jürgen blies zum Gegenangriff. Wir schossen energisch zurück. Ich konnte sogar einen Gesichtstreffer verbuchen. Wir kamen einander immer näher, und am heftigsten bekämpften sich die beiden Anführer. Der feindliche Feldherr wagte sich weit vor, mit einigem Vorrat an Geschosssen, und traf Jürgen mehrmals mit scharfen Würfen ins Gesicht. Jürgen geriet in Zorn. Und als sein Feind ihn mit einem Schneeball traf, der einen Stein enthielt und eine Beule auf seiner Stirn verursachte, beschloss er bittere Vergeltung.

„Das ist unfair!“, rief Jürgen erregt. „Ich fordere dich zum Zweikampf auf, du Feigling!“ Wir gaben sogleich den Kampf auf und stellten uns im Kreis auf, um das Schauspiel zu genießen.

„Wer gewinnt, darf hierbleiben, und wer verliert, muss die Wiese verlassen“, erklärte Peterchen. „Einverstanden“, stimmte Jürgen ihm zu.

Nun standen sich sich wie zwei Kampfhähne wütend gegenüber. Es war ganz still geworden. Keiner von beiden schien anfangen zu wollen. Da bückte sich Jürgen blitzschnell und riss dem Gegner die Füße vom Boden fort. Das dicke Peterchen kippte wie ein Fässchen um und lag der Länge nach im Schnee. Der Blondschopf warf sich über ihn und schlug mit seinen Fäusten auf ihn los.

Wir schrieen vor Begeisterung. Unsere Feinde waren erschrocken; und René, der Kleinste von ihnen, zitterte vor Kälte und Aufregung. „Nur nicht aufgeben!“, feuerte er ihn verzweifelt an.

Plötzlich bekam das Peterchen den linken Arm von Jürgen zu fassen und drehte ihn unerbittlich um. Unser Anführer fluchte wie ein Fuhrmann. Das half ihm jedoch nicht. Er musste nachgeben und rollte zur Seite. Nun packte das dicke Peterchen Jürgens Kopf mit seinen schweren Händen und drückte ihn mit dem Gesicht in den Schnee hinein. Der Blondschopf schlug unkontrolliert mit den Füßen aus. Er bekam kaum noch Luft. Da bekam Jürgen einen Fuß von seinem dicken Feind zu fassen. Er zog ihn zu sich, und Peterchen fiel nach hinten. Jürgen stand ächzend auf, spuckte Schnee aus und stürmte zornig auf seinen Gegner los. Peterchen sprang rasch beiseite. Jürgen griff ins Leere und stürzte vornüber in den Schnee.

Die Kinder vom Rotenberg lachten über den gelungenen Trick ihres Anführers und rieben sich siegessicher die Hände. Jürgen drehte sich zu uns um und rief: „Passt auf! Jetzt mach ich Ernst!“

Er stand auf, ballte die Fäuste und erwartete seinen Gegner. Peterchen kam näher, holte aus und traf Jürgen mit seiner Rechten in den Bauch. Der Blondschopf zeigte wenig Wirkung und keilte zurück. So schlugen sich beide eine kurze Weile, ohne dass einer einen Vorteil für sich erzielen konnte. Da machte sich Jürgen plötzlich klein, schnellte hoch und traf das ungedeckte Kinn seines Widersachers.

Das dicke Peterchen taumelte zu Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf einen Stein. Er blieb regungslos liegen. Sein Gesicht wurde weiß, und aus den Haaren rann über die Stirn ein wenig Blut. Wir, die eben noch jeden Griff und Schlag der beiden Kämpfer mit Begeisterung verfolgt und auch den letzten Kinnhaken bewundert hatten, verstummten auf einmal. Nur der kleine René, noch ein halbes Muttersöhnchen, rief entsetzt: „Du hast ihn getötet!“ Minutenlang starrten wir den bewegungslosen, dicken Körper an. Dann wurde es uns unheimlich. Die Kinder vom Rotenberg entfernten sich lautlos, um das Grauenhafte nicht sehen zu müssen, und um den schlimmen Vorfall in der Nachbarschaft zu verbreiten. Auch wir liefen mit Schuldgefühlen davon und ließen Jürgen mit seiner Tat allein.

Was weiterhin geschah, habe ich später von Jürgens bestem Freund Andreas erfahren. Kurz nach dem Kinnhaken hatte er sich wie der Sieger gefühlt. Sein Zorn war gewichen und selbst den tückischen Stein hatte er vergessen. Da aber der Besiegte nicht wieder aufstand und sein Gesicht ihm leichenblass erschien, stockte sein Atem. Er zitterte vor Erregung und sein Blick hing starr an dem Blutfleck. Trotz seines Schwindelgefühls hatte er das feige Weglaufen seiner Kameraden bemerkt. Er fühlte sich als Mörder und von seinen Freunden im Stich gelassen. Er verspürte zum ersten Mal eine tiefe Einsamkeit. Sein Herz war voll von Verzweiflung und Tod.

Dann überfiel ihn der Gedanke an Strafe; in fürchterlichen Vorstellungen sah er sich von der Polizei verfolgt. Er bangte um sein junges Leben und lief wie ein gehetztes Tier von dem Unglücksort weg, den Rotenberg hinauf und bergab in das Waisenbüschchen. Der kleine Laubwald zur Oestraße hin erschien ihm als sicherstes Versteck.

Seine Einbildung sah Arme nach ihm greifen und Fäuste nach ihm geballt. Er irrte wie betrunken abseits des Weges, versank mitunter in Schneewehen und verbarg sich schließlich im Wolfsloch am Ende des Wäldchens.

Es wurde langsam Abend; der Schnee spendete ein schwaches Licht in der Dämmerung. Der junge Flüchtling war hungrig und fror. Er dachte, bei dieser klirrenden Kälte umkommen zu müssen, und beschloss, wieder heimzukehren. Er schleppte sich mit letzten Kräften vorwärts. Der aufsteigende Mond zeigte ihm den schmalen Waldweg. Endlich hatte er die Membacher Gasse erreicht. Er sah das wohlbekannte Waisenhaus auf der kleinen Anhöhe liegen. Der Anblick erweckte Scham in ihm. Zugleich aber spendete die vertraute Umgebung ihm Trost. Auf müden Füßen überquerte er die Kreuzung Rotenberg-Neustraße und kam gegen sechs Uhr zu Hause an.

Seine Mutter hatte sich mächtig Sorgen um ihn gemacht. Sie hatte ihn mit einigen Nachbarsjungen bis vor einer guten Viertelstunde in den Rotenbergwiesen gesucht. Es hatte nicht viel gefehlt, und sie hätte die Polizei benachrichtigt. Nur war sie überglücklich, dass sie ihren Sohn lebend wiederhatte. Sie schimpfte nicht, denn sie sah, dass er vor Erschöpfung todmüde war, und dass seine Finger blau gefroren waren. Sie gab ihm eine Tasse heiße Suppe und schickte ihn zu Bett.

Als Jürgen am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich im Bett liegen und konnte sich zunächst nicht mehr an das Geschehene erinnern. Da trat seine Mutter ein und erzählte ihm, dass Peterchen gar nicht tot, sondern nur bewusstlos gewesen sei. Peterchen läge daheim und hätte nur eine Gehirnerschütterung. In erlösenden Tränen rann die Verzweiflung dahin und seine verdunkelte Seele hellte sich wieder auf. Dankbar umarmte er seine Mutter, die ihn von seiner Seelenqual befreit hatte.

Am Nachmittag ging er seinen kranken Gegner besuchen. Peterchen empfing ihn mit Misstrauen. Er glaubte nicht an seine Versöhnungsabsichten und betrachtete sein Kommen als höfliche Pflichterfüllung. Auch Jürgen empfand zunächst Schwierigkeiten, sich ihm zu öffnen. Dann aber gaben sie sich die Hand und Jürgen versprach seinem neuen Freund, ihn nie wieder zu hänseln.

Tatsächlich wandelte sich Jürgens Gemüt. Sein wildes Wesen legte er wie eine Maske ab, und dahinter trat das Gesicht des Friedlichen und Besinnlichen hervor. Er suchte die Stille auf, konzentrierte sich mehr auf die Schule und mied Raufereien, wann immer er konnte. Der dramatische Ausgang jener Straßenschlacht hatte ihn bekehrt und mit einem Mal vernünftiger und erwachsener gemacht. Anfangs wurder er von uns verschont, dann eine kurze Zeit wegen seiner ängstlichen Zurückhaltung bei allen Kämpfen verhöhnt und schließlich vergessen. Niemand redete mehr von seinen früheren Ruhmestaten. Wir folgten indessen anderen Feldherren, die uns siegesgewiss in neue Schlachten führten.


305. Eupen zur Zeit der ersten Automobile

Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobile in Eupen auftauchten, waren die steilen Anstiege des Bergviertels, wie der Olengraben oder die Bergstraße, noch richtige Herausforderungen für die Chauffeure der Benzinkutschen.

Einen Rückblick in diese Zeit bietet der folgende Artikel aus dem Grenz-Echo Magazin...