39. Der Schuster vom Berg

Geboren wurde Karl Willems, der Schuster „va bater gen Bärreg“, am 18. Januar 1915 in der unteren Bergstraße als zweiter von drei Söhnen der Eheleute Nikolaus Willems und Barbara Theves. Später wohnte die Familie in der unteren Neustraße, wo er eine schöne Kindheit verbrachte. Mit 14 Jahren begann er eine Schuster- und Schuhmacherlehre bei seinem Onkel Nikolaus Theves in der oberen Bergstraße, zu einer Zeit, als in Eupen noch 35 Schuster tätig waren. Er liebte seinen Beruf und eröffnete 1934 eine eigene Schusterwerkstatt auf dem Rotenberg, gegenüber der Pferdetränke im Ortsteil „än Tebaten“. 1940 heiratete er Fini Engels aus dem Bellmerin. Nach Kriegsende zogen Karl und Fini um, in den Ortsteil „bater gen Bärreg“. Dort richtete im Haus Am Berg 46 seine Schusterwerkstatt ein. Er liebte es, sich mit seinen Kunden zu unterhalten und war um keine Jeckerei verlegen. Auch Kinder brachten ihm gerne Schuhe zum Flicken, weil er immer zu Späßen aufgelegt war. Er schenkte ihnen alte Gummiabsätze für das „Hickhäuschen-Spiel“ oder machte zu Karneval den kleinen Cowboys Pistolentaschen und malte ihnen eine Schnauzbart aus hartnäckiger Lederschwärze ins Gesichtchen, der, zum großen Leidwesen der Mütter, nach am Aschermittwoch zu sehen war.

Schon in seiner Jugend hatte Karl gerne Sport getrieben. Er gehörte seit 1923 der Turnerriege des Jünglingsvereins an. Später war er in der Turn- und Sportvereinigung (TSV) als Turnwart tätig. Das Turnen am Reck war seine Leidenschaft. In dieser Disziplin gewann er etliche Preise. 1960 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Eupener Leichtathletikclubs (LAC), für den er sich als Vizepräsident sehr engagierte.

55 Jahre lang, bis zu seinem Tode war er begeisterter Sänger. Er war Mitglied im Kirchenchor an St. Nikolaus, dem er viele Jahre als Präsident vorstand. Er war ein tiefgläubiger und auf Gott vertrauender Mensch. Er ließ weder eine Chorprobe noch sonntags das Hochamt aus. Gerne organisierte er für den Chor Weihnachtsfeste mit Theateraufführungen oder Turnerriegen und Büttenreden bei Karnevalsfesten. Spaß und Religiosität wurden stets kombiniert.

Ein weiteres Hobby war der Fastovend. Schon in seiner Jugend war dieser ein fester Bestandteil seines Lebens. Als Straßenkarnevalist zog er mit den Nachbarn vom Rotenberg und der Bergkapellstraße durch die damals noch zahlreichen Eupener Wirtschaften. Er spielte Mandoline, seine Freunde „Kwéttschbüül“ und Gitarre. Immer hatte er passende Liedchen parat, um die Leute zum Lachen zu bringen. Mit dem Quartett »De veer Aunderbotze« wurde er überall eingeladen, um besonders das Liedchen »Hott Ööpe än Ihre« vorzutragen, das im Volksmund besser als »De Värkesvott« bekannt ist. Aus dieser kleinen Gruppe entstand die Karnevalsgesellschaft „Berger Block“. In den 1950er und 1960er Jahren baute er mit seinem Bruder Klaus, seinen Vettern Peter und August Mennicken und Hein Rennertz schöne Karnevalswagen. An allen vier Karnevalstagen war die lustige Truppe mit ihrem Gefährt im Eupener Straßenkarneval unterwegs.

Nun zu seiner nächsten Leidenschaft: Das Theaterspielen. Schon vor 1940 spielte er Theater im Jünglingsverein und bei Kirchenchorfesten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitglied der „Theaterfreunde“, erst als Schauspieler, später als Präsident. Seine Vorliebe für die Eupener Mundart brachte er in mehreren Theaterstücken zum Ausdruck, wovon er einige selbst geschrieben hat oder vorhandene ins Öüpener Platt übersetzte. Zu nennen wären z.B. „Et gruet Lott“ und „Dr Schuster Lenn“. Auch für Hochzeiten, Geburtstage und Klassentreffen schrieb er Gedichte in Hochdeutsch oder auf Platt. Nach seinem Tode fanden die Erben ein kleines Tonband, das er mit all seinen Gedichten besprochen hatte, als Erinnerung für seine Enkel. Die Stadt Eupen brachte 1989 ein Buch mit diesen Gedichten und Liedern heraus. Später wurde dann eine CD hergestellt mit dem Titel „Hott Öüpen än Ihre“.

1958 ging Karl Willems in die Gemeindepolitik: Zunächst bei der CSP, dann bei der Bürgerliste „Stadtinteressen“ (SI). Auf Ebene der Gemeinschaftspolitik war er Mitgründer der PDB. Von 1959 bis 1977 war er Präsident des Öffentlichen Sozialhilfezentrums. In seiner 18-jährigen Amtszeit wurde das alte Waisenhaus am Rotenberg abgerissen und ein neues Alten- und Pflegeheim gebaut. Am Limburger Weg entstanden die fünf Kinderhäuser.

Kurz vor seinem Tode, am 27. März 1986, verlieh die Stadt Eupen ihm die August-Tonnar-Plakette als Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zur Pflege und Erhaltung des Eupener Brauchtums.


92. Alfred Holler, ein Künstler im Bergviertel

„Jede Holler-Landschaft hat ihre eigene Seele“, titelte das GrenzEcho im Juni 1998 bei der Ankündigung einer Ausstellung von Werken des aus Krefeld stammenden Eifelmalers Alfred Holler.

45 Jahre zuvor hatte GrenzEcho Redakteur Otto Eugen Mayer anlässlich dessen 65. Geburtstags Alfred Holler als den malerischen Entdecker Eupens bezeichnet. Als Holler 1910 im Alter von 22 Jahren nach Eupen kam, habe er hier künstlerisches Neuland entdeckt und sich daran gemacht, die malerischen Winkel und Gebäude der Weserstadt zu malen und zu skizzieren. Pinsel und Ölfarben sowie die Radiernadel waren die Werkzeuge, mit denen er die Schönheiten seiner Wahlheimat für die Zukunft festhielt.

Doch nicht nur in Eupen fand Holler Motive, denen er eine Seele zu verleihen verstand. Er durchwanderte die Eifel, um deren landschaftliche Schönheiten im Bild festzuhalten. 1937 fertigte er in St. Vith eine Skizzensammlung an; ein einzigartiges Zeugnis von der Büchelstadt vor deren totaler Zerstörung während der Ardennenoffensive. Fast jede Landschaft der Eifel, fast jedes Dorf hat Alfred Holler im Bild festgehalten. Somit wird er zu Recht als würdiger Nachfolger des großen Eifelmalers Fritz von Wille bezeichnet. In Prüm oder Daun war und ist er ebenso bekannt wie in St.Vith, Manderscheid oder Malmedy. Wenn auch in Eupen verwurzelt, durchforschte er mit Künstleraugen auch die Ardennen, Flandern und die Niederlande. Als junger Mann hat er bereits in Nieuwpoort gemalt.

Während des Ersten Weltkrieges wurde er als Kriegsmaler der Obersten Heeresleitung im Osten eingesetzt. Vor allem in der alten litauischen Königsstadt Wilna und in deren Umland fand er zahlreiche Motive für seine Bilder. Ein Teil dieser Bilder ziert heute die Flure des ostbelgischen Ministeriums.

1917 kehrte Alfred Holler nach Eupen zurück. Er heiratete die Tochter Martha des Kaufmanns Johann Hass und nahm Wohnung im Elternhaus der jungen Frau, Neustraße 44. Dort richtete der Berufsmaler sein Atelier ein, in dem in den folgenden Jahren unzählige Ölgemälde und meisterhaft ausgeführte Radierungen entstanden.

Fünf Radierungen mit Eupener Motiven

Das Studium an der Kunstakademie Düsseldorf begann der 1888 in Krefeld geborene Alfred Holler um 1906 bei den Professoren Peter Behrens und Ludwig Heupel-Siegen. Von dort ging er nach Paris, wo er sich an der Académie Julian einschrieb. In Karlsruhe wurde Holler 1910 Schüler von Julius Bergmann, Professor für Tier- und Landschaftsmalerei. Von 1911 bis 1913 war er Schüler des bekannten Landschaftsmalers Ludwig Dill, der seine künstlerische Entwicklung entscheidend prägte. Seine Vorliebe galt fortan dem Einfangen von Landschaften mit Pinsel, Zeichenstift und Radiernadel.

In Düsseldorf hatte Alfred Holler Freundschaft mit dem aus Eupen stammenden Walter Ophey geschlossen. Durch diesen kam er um 1910 in die Weserstadt, deren malerische Winkel ihn dazu veranlassten, sich hier niederzulassen. Bald nach dem Ersten Weltkrieg erreichte Alfred Holler einen größeren Bekanntheitsgrad. 1920 veröffentlichte er eine Mappe mit fünf Radierungen mit Eupener Motiven in einer Auflage von 50 Exemplaren. Die Bilder zeigten den Marktplatz, die Werthkapelle, die Oberste Heide, die Schilswegbrücke und den Spabrunnen. Der spätere Aachener Museumsdirektor Dr. Felix Kuetgen entdeckte in den Landschaftsbildern „ein langes, inniges Versenken von Sinn und Gemüt in den vertrauten und geliebten Gegenstand, in die Seele seiner Stadt. Das Auge wird vom Dunkel zum Hellen geführt. Das alles verrät ein feines Landschaftsgefühl des Maler-Radierers.“

Bequeme Raten von zehn Mark monatlich

Otto Eugen Mayer schreib 1953 in der oben erwähnten Würdigung: „Dass die Sicherheit, mit der er die Radiernadel zu führen weiß, in den letzten Jahren noch gereift ist, erweist ein Blatt mit einer neuen Darstellung der Mariensäule. (…) Es zeigt bei einer gesteigerten Kraft des Ausdrucks, eine meisterhafte Verteilung der Licht- und Schattenwerte, mit wundervoller Weiche des Tons gepaart.“

Hollers Radierung des Eupener Marktplatzes mit Mariensäule von 1920 diente 1929 als Vorlage für die erste Briefmarke mit einem Eupener Motiv.

Der Aachener Publizist Will Hermanns sagt über den Künstler in der Monographie „Der Eifelmaler – Alfred Holler“: „Fritz von Willes Kunst ist romantisch. Neben ihr ist anderes möglich und wirklich: eine erdhaftere, modernem Naturempfinden nähere, weniger „poetische“ und doch nicht minder stimmungsvolle Kunst, wie sie sich etwa im malerischen Werk Alfred Hollers darbietet. Mit der Fülle und dem Gehalt seines Schaffens tritt Alfred Holler als Eifelmaler neben den älteren Fritz von Wille. Beide eigenartig und selbstständig in ihrer Kunst. Persönlicher Geschmack mag den einen höher werten als den anderen. Ein ernsthafter Streit, wer der Größere ist, ist heute sicherlich unaustragbar. Er ist auch überflüssig. Freuen wir uns, dass wir zwei solcher Kerle haben.“ Auch ein hoch gelobter Künstler hat es nicht leicht, von seiner Kunst zu leben, und muss schon um Kundschaft buhlen. Von Holler wird erzählt, dass er in den 1920- und 1930er-Jahren seine Werke in der Stadtverwaltung Aachen zur Schau stellte, damit er aus dem Kreis der bei der Stadt Beschäftigten zahlreiche Liebhaber seiner Kunst gewann und ihnen in bequemen Raten von zehn Mark monatlich seine Bilder bereitwillig überließ.


140. Dohme Jupp und seine Zeitgenossen

Wie jede Stadt so hatte auch Eupen seine Originale, und diese Originale hatten so etwas wie ihre eigenen „Residenzen“. So stand am Berg, am Holundergässchen, „bate gen Bärg“, wie der Volksmund sagt, ein langgestrecktes Haus; der Flock genannt. Hier hausten mehrere teils allein, teils in Gemeinschaft. Auch in Thebaten, auf dem Rotenberg, in der Hisselsgasse konnte man sie finden.

Da waren zuerst Dohme Jupp und Dohme Nikela, de Jonge va Lehmefke. Sie wohnten im Flock. Sie hatten ein großes Zimmer, das mit Kreide eingeteilt war. Wehe wenn der eine auf das Stück des andern trat! „Bliev op dinne Plei“, hieß es dann. Der Jupp war groß und stark, der Nikela klein und schmächtig. Letzterer machte gegen Bezahlung Bittgänge für die Leute. Wenn das Geschäft nicht genug blühte, spazierte Nikela mit einem Plakat um den Hals durch die Stadt : „NIKELA DOHM, BITTWEGGEHER“. Nikelas guter Appetit war geradezu sprichwörtlich geworden. Der Volksmund sagte von jemandem, der soviel essen kann: „De kann eete, we Dohme Nikela“. Es wird berichtet, dass er einmal bei einem Totenmahl 15 Brötchen, ein Stück Platz und einen ganzen Reisfladen verzehrte. Das war schon eine Leistung!

Seine Mutter, das Lehm-Evke (Evchen), hatte schon aus einem schweren Sack Lehm verkauft und vom Schleppen einen krummen Rücken bekommen. Josef vergrößerte das Geschäft und benutzte einen Handkarren. Fuhr er eine abschüssige Straße hinunter, so lenkte er das Gefährt im Zickzack, der Kraftersparnis wegen. Er verdiente sich seinen Unterhalt, indem er für andere Kohlen schaufelte, Lehm trat, Bürgersteige reinigte, Holz spaltete oder dergleichen Arbeiten verrichtete. Er war als Handlanger gerne gesehen. Nur musste er gut gefüttert und reichlich mit Schnaps versorgt werden. Im Übrigen erweckte er den Eindruck, als sei er zu Höherem geboren gewesen. Mit Vorliebe trug er die von „besseren Leuten“ abgelegten Kleider, in denen er stolz durch die Stadt spazierte. Aber oft und lange sah man ihn nicht, dann saß er im Gefängnis oder gar im Zuchthaus. Bei der Verwaltung befand sich eine ganze Liste größerer und kleinerer Vergehen, denen er sich schuldig gemacht hatte.

In der Metzgerei Schlembach am Berg wurde bei gutem Wetter die Wurstmaschine draußen gedreht, eine Arbeit, die Dohme Nikela verrichtete. Als nun gegen 1904-1905 die Meisterprüfung zur Ausübung des Berufes verlangt wurde, hing man dem Nikela bei dieser Arbeit ein Schild auf den Rücken mit der Aufschrift „Nikela Dohm, Wurstdrehmeister“.

Einmal hatte man ihn in die Wirtschaft Dechêne am Berg gelockt und eine Wette mit ihm gemacht. Wenn er so und soviel Buttermilch mit so und soviel Zwieback esse, sollte er gebührend belohnt werden. Das ließ Nikela sich nicht zweimal sagen! Er aß und aß, bis schließlich sein Bauch auffällig dick wurde. Da wurde nun Einhalt geboten, Mittel und Wege angewandt, um dem maßlos Verzehrten den Kehraus zu geben.

Nikela war ein ruhiger, anständiger Kerl, im Gegensatz zu seinem Bruder Jupp. Das war ein Rowdy, der mehr als einmal mit der Polizei zu tun hatte. Bei der Verwaltung befand sich eine ganze Liste größerer oder kleinerer Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hatte.

Jupp besaß eine Spielorgel. Kirmes wurde er engagiert. Dann machte er Karussellmusik. Von morgens bis abends drehte er unermüdlich seine Orgel. Ansonsten verdiente er sich seinen Unterhalt, indem er für die Leute Kohlen schaufelte, Lehm trat, Bürgersteige reinigte, Holz spaltete oder dergleichen Arbeiten.

Zur damaligen Zeit war Kaplan Wallenborn Präses des Gesellenvereins. Als er einmal die Neustraße hinunterging und in die Bergstraße einbiegen wollte, kam der Jupp eiligs auf ihn zu. „Här, kommen Se mal mit“. Der Kaplan dachte, es handele sich um einen Kranken und folgte ihm bis in den Flock. Da sagte der Jupp: „Nu kucken Se mal Här, dat ist doch keine Wohnung für ene Mann, wie iech getrocke bänne“. Nach einigen guten Worten war der „Här“ froh, als er wieder frische Luft schöpfte.

An einem Kirmesmontag sollte nun im Flock auch Kirmes gefeiert werden. Die ganze Sippschaft war eingeladen: der Jupp, der Nikela, Düfelje, Bröerke, Schnöse Jäntje… Honse Nâss, auch eine Nachbarin, sollte den Tisch zurechtmachen. „Hü, wärt be os gefiert“ hatte Jupp im Bergviertel verkündet. Und schon war der Plan geschmiedet! Die Jungen vom Metzger Schlembach, vom Bäcker Bourseaux und noch andere schlichen sich heimlich hinter die Hecke der dem Flock gegenüberliegenden Wiese, den Ibern, bewaffnet mit getrocknetem Kuhfladen, Wasen, usw. Als die Stimmung schon ziemlich hoch war, flogen plötzlich die Geschosse durch das geöffnete Fenster bis mitten auf den Festtagstisch. Was nun los war; kann sich nur einer vorstellen, der den Flock und seine Bewohner kannte.

Joseph Dohm ist am 19. Dezember 1925 gottselig im Herrn entschlafen. Sankt Petrus muss besser mit ihm fertig geworden sein als die damalige Eupener Polizei. Auf jeden Fall hat man seither nichts mehr von ihm gehört!

Wohl bekannt waren auch die Gebrüder Krott, ehrliche, anständige, fleißige Menschen. Wenn sie nur nicht immer so durstig gewesen wären! Ein Zeitzeuge berichtet folgende kleine Begebenheit: Ich kam eines abends bei sternklarem Himmel gegen 10 Uhr nach Hause. In der Neustraße stand mitten in der Straße Länn Krott. Er betrachtete den Vollmond und rief ein übers andere Mal: „Leive Mond, dou bäss märr äns ägene Mont voll, ich bänn et jëidder Dag“.


147. Herbert Kaldenbach, der „tapfere Schneider“ vom Rotenberg

Uns allen sind „Meister Böck“ oder „Das tapfere Schneiderlein“ aus der Literatur bestens bekannt. Ob nun in der Geschichte über die beiden Lausbuben „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch (1865) oder im Märchen der Gebrüder Grimm (1812), der Beruf des Schneidermeisters war seit jeher ein angesehenes und solides Handwerk. „Kleider machen Leute“ schrieb Gottfried Keller bereits 1874 in seiner gleichlautenden Novelle. Herbert Kaldenbach war bis zu seiner Pensionierung (1997) der letzte noch aktive Schneider in Eupen.

 

Immer sein Wunschberuf

„Als ich mich 1957 selbständig machte, gab es in Eupen noch 13 aktive Schneider. Vier Jahre später (1961) übernahm ich das Bekleidungsfachgeschäft meines Onkels Heinrich Kaldenbach im Olengraben (Haus 13). Ich habe bei ihm meine Lehre absolviert und anschließend dort noch als Geselle bis 1957 gearbeitet. Danach machte ich am Rotenberg meinen eigenen Betrieb auf“, erzählt Herbert Kaldenbach vom Beginn seiner beruflichen Laufbahn. Es war immer sein Wunschberuf gewesen. In seiner Lehrzeit lernte er nur das Nähen. Damit er die Stoffe auch zuschneiden konnte, belegte er 1954 und 1955 entsprechende Lehrgänge an der ‚Deutschen Bekleidungs-Akademie München‘, die eine Zweigstelle in Düsseldorf unterhielt. Somit konnte er sich mit den neuesten Errungenschaften moderner Zuschneidekunst vertraut machen.

 

Nicht jeder hatte eine Idealfigur

Zu dieser Zeit kaufte Herbert Kaldenbach auch eine universale Nähmaschine, die er bis heute besitzt. „Der Preis war nie ausschlaggebend. Ich hatte einen Kundenstamm aus allen Schichten der hiesigen Bevölkerung, wie auch aus dem Eupener Umland. Meistens waren es Männer, ab und zu auch mal eine Frau. Der Wert des Kleidungsstückes richtete sich nach der Stoffqualität. Der Machlohn war immer gleich.“ Der Eupener Schneidermeister musste sich schon Anfang der 1970er Jahre gegen die aufkommende Bekleidungsindustrie wehren. „Ich wollte das Angebot auch auf Fertigwaren erweitern. Doch die Idee ließ ich schnell wieder fallen.“ Herbert Kaldenbach schneiderte überwiegend Herrenanzüge. Für die hiesigen Musik- und Karnevalsvereine war er eine angesagte Adresse. Er selbst war Anfang der 1950er Jahre Mitglied der Prinzengarde Eupen. „Es war da schon eine kleine Herausforderung, die jeweiligen Uniformen zu schneidern. Diese waren ja je nach Vereinigung unterschiedlich. So manches Vereinsmitglied hat bei mir Maß nehmen lassen.“ Der ehemalige Präsident der ostbelgischen Schneiderinnung weiß, dass nicht jeder eine Idealfigur hatte: „Vor allem das individuelle Anpassen und das Entwerfen eines Schnittmusters waren ständige Herausforderungen. Aber das machte ja den Beruf so erstrebenswert und vielfältig.“ Nicht immer passte bei der ersten Anprobe das Produkt auf Anhieb.

 

D’r Jung braucht ene Bademantel!

„‘Machen sie auch Anzüge für ganz dicke Leute?‘ fragte mich eines Tages ein Mann. Es war wohl der größte Anzug, den ich jemals geschneidert habe. Sein Hosenbund betrug staatliche 165 cm“, erinnert sich der Meister an manchmal ausgefallenen Wünsche der Kunden. „D’r Jung muss ene Bademantel haben. Können sie mir einen machen?“ war ebenso ein ausgefallener Wunsch wie der von einem Mann, der einen Anzug bestellte und mir eröffnete, dass er keine Unterwäsche trage. „Da habe ich ihm ein Hosenteil aus Baumwolle zum Einknöpfen eingenäht. Das konnte er dann regelmäßig waschen.“ Nachdem es immer mehr Konfektionsgeschäfte in Eupen gab, schloss er 1976 das Geschäft im Olengraben und siedelte endgültig zu seinem Anwesen am Rotenberg (Haus 36) über. Dort arbeitete er fortan in einem kleinen Anbau in seinem Garten. „Die Industrie hatte sich auf die wachsende Nachfrage für Problemfiguren eingestellt. Da gab es Anzüge in allen Größen ‚von der Stange‘. Trotz allem behielt ich meine treuen Kunden.“

 

Schneiderinnung und Lehrlingsausbildung

Kaldenbach war von 1961 bis 1976 Präsident der ostbelgischen Schneiderinnung. Am 10. Oktober 1971 feierte die Innung ihr 75-jähriges Bestehen im Hotel Schmitz-Roth am Rathausplatz. 1976 wurde sie dann aufgelöst. „Ich war zu diesem Zeitpunkt das einzige Mitglied. Da machte es keinen Sinn mehr. Das Kassensaldo stiftete man dem Eupener Kolpinghaus, das sich im Umbau befand.“ Schneidermeister Kaldenbach hat in seiner Berufslaufbahn insgesamt neun Lehrlinge in seiner Werkstatt ausgebildet. Er selbst war immer mit der Ausbildung junger Menschen eng verbunden. So gehörte er seit 1963 während 40 Jahren dem Verwaltungsrat des „Zentrums für Handwerkliche Berufsausbildung & Vervollkommnung Eupen“ (heute: Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes), gelegen an der Langen Gasse (heute Limburger Weg), als Vertreter der Schneiderinnung an. Als Fachlehrer wirkte er über 29 Jahre in der Eupener Berufsausbildung für Lehrlinge, Gesellen und Meister. „Mein Beruf hat mir immer Freude gemacht. Der Umgang mit der Jugend hat mich fit gehalten. Dafür bin ich Gott dankbar“, blickt der heute 86-Jährige auf eine bewegte, aber zufriedene Schneideraktivität zurück: „Das kleinste Ding ist auch zu ehren: Eine Nadel mag einen Schneider nähren.“

148. Schützentradition während der Haaskirmes

Sie sind bei den Feierlichkeiten einer Pfarrgemeinde kaum wegzudenken: die Herren im schwarzen Anzug mit dem Zylinderhut. Ob Patronatsfest, Fronleichnam- oder Pfarrprozession, die Schützen sind immer dabei. Höhepunkt eines Schützenjahres ist das Königsvogelschießen anlässlich der Kirmes.

An letztgenannte Veranstaltungen erinnert sich Schneidermeister Herbert Kaldenbach (86) heute noch sehr gerne. Das langjährige Mitglied und ehemaliger Vorsitzender der Königlichen St. Josef-Bürger-Schützengesellschaft (1971-1989) der Eupener Haaspfarre weiß von den „anstrengenden“ Tagen während der Kirmes viel zu erzählen. Heute ist er Ehrenpräsident der Gesellschaft. Er wohnt seit fast 85 Jahren am Rotenberg.

 

Kirmeseröffnung und Pfarrprozession

Wenn mit dem September das Kirmeswochenende näher rückte, wussten die Unterstädter St.Josef-Schützen, dass ihr Einsatz gefragt war. Weniger das Kirmestreiben als die Präsenz bei den Feierlichkeiten und beim Schießen um die Königswürde waren für jedes Mitglied Ehrensache. Herbert Kaldenbach hatte 1961 die Schneiderei seines Onkels Heinrich im Olengraben 13 übernommen. „Da ich bis zum frühen Abend meine Kunden bedienen musste, konnte ich nicht an der Kirmeseröffnung teilnehmen.“

Angetreten dazu wurde an der Gastwirtschaft „Schützenhof“ (Inh. Rudi Delhaes, später Louise Hahn) an der Kreuzung Neustraße/Rotenberg. Von dort aus zog der Verein mit dem Kirmeskomitee unter musikalischer Begleitung zur Haas und weiter zum Schilsweg. An einigen der damals zahlreichen Wirtschaften wurde eine Pause eingelegt.

„Jedes Jahr gab es einen Wechsel zwischen der Musikvereinigung und der Harmonie Eupen. Die Kosten für die Musik während der Kirmestage und für die Kutsche von Konrad Steffens waren zu unseren Lasten. Unsere Gesamtkosten für das Kirmeswochenende lagen bei ungefähr 35.000 Franken. Nach Beendigung des Umzuges gab es noch das eine oder andere Bierchen, ehe man sich auf den Nachhauseweg machte. Sonntagmorgen mussten wir ja wieder zeitig antreten.“

Zum Kirchweihfest zieht bis heute noch die Pfarrprozession in der Unterstadt aus. Es war eine ehrenvolle Aufgabe für die Schützen, den „Himmel“ zu begleiten. In Uniform und mit schwarzem Zylinder geleitete man das Allerheiligste durch die Unterstädter Straßen. „Bereits vor 9 Uhr trafen wir uns im Café ‚International‘ von Stalmans Will im Schilsweg.

Die Musikkapelle spielte einen Tusch, die Schützen standen in Zweierreihe vor der Wirtschaft und salutierten der Vereinsfahne. Den Präsidenten und den noch amtierenden König begrüßten die Schützen mit einem ‚Guten Morgen Herr Präsident, guten Morgen Herr König‘. Nach dem Defiliermarsch machte man sich dann auf zur Pfarrkirche.“ Festlich geschmückt waren Straßen und Häuser. Die „Poellches“-Vereine hatten am frühen Morgen die bunten Fähnchen aufgehangen und die Anrainer ihre Fenster und Hauseingänge mit christlichen Symbolen geschmückt. Aus manchem offenen Küchenfenster zog schon der Duft des Festbratens. „Nach der Prozession zogen die Schützen bis zum Olengraben um dort zu wenden, und anschließend zum Frühschoppen ins Hotel Bosten zu ziehen. Da war es brechend voll. Manchmal mussten wir auf den großen Saal ausweichen“, erinnert sich Herbert Kaldenbach. „Kurz vor 13 Uhr ging es zum Mittagessen nach Hause. Man wollte doch für das Königsvogelschießen gestärkt sein.“

 

Mit Kugelgewehr und Zylinder

Sonntagnachmittags hieß es wieder antreten im „Schützenhof“. Anschließend wurden der Präsident und der scheidende König zu Hause abgeholt. In Reih und Glied, König und Präsident in der Kutsche, ging es stramm über die Kirmes Richtung Schützenwiese hinter der Gaststätte ‚Auf dem Land‘ an der oberen Monschauer Straße. In Eigenarbeit hatten die Schießmeister Franz Mertens und Toni Lausberg rund 200 Bleikugeln vorbereitet. Noch thronte der Holzvogel majestätisch vor dem Kugelfang. Nachdem jedes der ca. 70 Mitglieder seine Startnummer gezogen hatte, oblag es dem noch amtierenden König, den ersten Schuss abzugeben. Geschossen wurde mit den vereinseigenen Kugelgewehren und immer mit Zylinder auf dem Kopf.

Die Schussfolge war vorbestimmt. Zuerst schoss man auf den Kopf, dann auf den rechten und anschließend auf den linken Flügel und am Ende dann noch auf den Rumpf. „Hoch lebe der König“ schallte es, wenn das letzte Holzstück von der Stange fiel. „Mitunter kam es vor, dass sich Schützenbrüder aus der Liste streichen ließen. Es ist sogar vorgekommen, dass am Ende nur noch ein Schütze übrig blieb. Da habe ich unmittelbar vor Ort eine Vorstandssitzung einberufen. Über die gefundene Lösung wurde Stillschweigen vereinbart“, so der ehemalige Präsident.

Auch kam es vor, dass ein Schütze einen über den Durst getrunken hatte. „Den haben wir dann aus Sicherheitsgründen nicht mehr schießen lassen.“ Noch auf der Festwiese wurde der neue König mit dem Königskreuz und der Königskette ausgezeichnet. Das Kreuz fertigte Goldschmied Hans Bredohl an. Es hatte einen Wert von 3.000 Franken.

 

In „Trauerkleidung“ übers Venn

Ungeduldig warteten die Kirmesbesucher derweil im Schilsweg und unter der Haas auf die Nachricht, wer der neue Amtsträger in diesem Jahr war. Zu den Klängen des Trommler- und Pfeiferkorps und im jährlichen Wechsel mit der Musikvereinigung bzw. Harmonie Eupen zog der kleine Festzug mit dem neuen Würdenträger in der Kutsche zur Kirmes. „Im oberen Schilsweg war es ein paar Mal schwarz von Leuten. Wir sind dann von der Ecke Schilsweg/Haagen bis zur Tankstelle von Josef Evertz an der Ecke Schilsweg/Bellmerin zu Fuß gegangen. Das war vor allem für die Pferde sicherer. Anschließend ging es mit der Kutsche weiter.“

Der heutige Ehrenpräsident erinnert sich, dass man die Anstrengung des Nachmittags so manchem Kollegen ansah. Feierlich eingeführt wurde der neue Schützenkönig am Kirmesmontag im Hotel Bosten. Bei Tanzmusik kamen die Gratulanten und erfreuten sich eines besonderen Abends. Ein würdevoller Ausklang der ereignisreichen Kirmestage für die St. Josef-Bürger-Schützengesellschaft.

„Mein Onkel sagte mir bei der Geschäftsübernahme: Jong, dou moss bèï de Schötze gone! Da goët et vöël Konde“ Eines Morgens kam Onkel Heinrich die Treppe herunter und sagte: Dou béss nou saït Soreschteg bèï de Juppe! So bin ich ohne eigenes Zutun Schützenbruder geworden.“

Herbert Kaldenbach freut sich noch heute über die vielen Ereignisse, die er in seinem aktiven Schützenleben erleben durfte. „Unsere Uniform bestand immer aus einem schwarzen Anzug, weißen Handschuhen und dem Zylinder. Da wir mitunter Eifeler Gemeinden besuchten, wurde diese Ausstattung dort schelmisch als Trauerkleidung bezeichnet. Da haben wir für jene Veranstaltungen zeitweise mal grüne Jacken mit Hut getragen,“ schmunzelt der heutige Ehrenpräsident über so manche Anekdote. Sein Herz schlägt immer noch für das urwüchsige „Öüpener Platt“ und die geliebte Unterstadt.