27. Pferdetränke

Es war einmal eine Zeit, da fuhren ein und zwei PS mit Wagen, Kutschen und Fuhrwerken den Olengraben auf und ab. Da hörte man noch kein Motorengeräusch, kein Hupen, kein Schalten. Die Luft war rein und frisch und nicht wie heute durch Gase vergiftet. Ganz gemütlich ging es von einem Stadtteil zum anderen auf und ab. Nur wenn die Last zum Aufstieg des Olengrabens zu schwer war, wurden ein oder zwei Pferde ab Malmedyer- oder Haasstraße vorgespannt bis Thebaten. Meistens waren die Fuhrleute guter Laune. Sie summten ein munteres Liedchen oder pfiffen eine bekannte Weise, indem sie peitscheknallend ihr Gespann anfeuerten. Natürlich konnten sie auch furchtbar fluchen und schelten, wenn die Pferde nicht vorwärts wollten. Selten traf man Fuhrleute, die ihre Pferde misshandelten. Das mussten schon Rohlinge sein, die bald im Städtchen als solche bekannt waren.

In Thebaten wurde haltgemacht. Dort stand eine Pferdetränke, ein Werk des Eupener Bildhauers Stüttgen. In der Mitte war ein großes Becken, eingefasst von zwei rechteckigen Pfeilern. Über dem Mittelbecken sah man einen wasserspeienden Kopf. Die Vorderseite der Pfeiler war mit einem Pferdekopf verziert. Seitlich befanden sich tiefer liegende kleinere Becken. Auf dieser Seite konnte man einen Hundekopf wahrnehmen, wodurch man auf den Zweck dieser Becken schließen konnte. Sie dienten dazu, den Durst der kleineren Vierbeiner zu stillen. Rund um das Mittelbecken stand in schönen Buchstaben ausgehauen: „Diese Gabe werde zur Labe“.

Die Pferdetränke war also das Rendez-vous der Tiere und ihrer Führer. Im Sommer wie im Winter herrschte hier reges Leben. Mensch und Tier ruhten aus, und wenn die Tiere ihren Durst stillten, taten die Fuhrleute dasselbe in dem an der Ecke der Neustrasse gelegenen Restaurant. Selbst die dreisten Spatzen benutzten die Gelegenheit, etwas zu ergattern; denn die Pferde ließen ja oft auf dem Boden duftende, rauchende Nahrung zurück. Wenn sie auch noch mit Hafer gestärkt wurden, dann wagte sich gar mancher gefiederte Freund bis auf den Futterbeutel seines großen Kameraden.

Es war ein friedliches, schönes Bild an der Pferdetränke in Thebaten, und manches Erlebnis, mancher Witz wird wohl dort erzählt worden sein. Erbaut im Jahre 1910 hat die Pferdetränke 1934 verschwinden müssen. Dem stetig wachsenden Verkehr war sie ein Hindernis.

1992 wurde die Pferdetränke nach den Plänen des Originals wiedererrichtet. Es stellte sich jedoch die Frage, wie man denn wieder zu einer Pferdetränke kommen sollte; die alte hatte ja schließlich den Krieg nicht überlebt. Außerdem war bei der Stadt kein Bildmaterial dieses prachtvollen Brunnens vorhanden, der dem ganzen Viertel den Namen „a gen Pferdetränk“ gegeben hatte. So spielte man zwar lange Zeit mit der Idee der Wiedererrichtung, schob die Realisierung aber immer wieder vor sich her, bis feststand, daß Stadt Eupen in diesem Jahr 1992 Belgien beim Blumenwettbewerb vertreten sollte. Das war der Auslöser intensiver Planungen. Die erste Schwierigkeit bestand darin, gutes Bildmaterial des Originals zu finden. Ein im Grenz-Echo veröffentlichter Aufruf an die Bevölkerung erbrachte dann sofort mehrere Fotos, worüber sich die Planer im Eupener Bauamt natürlich sehr freuten, denn ohne die Hilfsbereitschaft der Bürger wäre das ganze Projekt schon hier beendet gewesen. Wenn auch alle eingegangenen Bilder Ausschnitte oder Abzüge einer einzigen Aufnahme von Photo Franken waren, ermöglichten sie dem Bauamt doch die Erstellung originalgetreuer Konstruktionspläne. Mit diesen Plänen und die Fotos ging die Firma "Blanc de Bierges" ans Werk. Am 10. August 1992, 84 Jahre nach ihrer ersten Einweihung, wurde die Pferdetränke wieder neu aufgebaut. Das Projekt wurde auf Anfrage der Stadt von mehreren Service-Clubs unterstützt.


142. Pferde im Bergviertel – Von Fuhrleuten und Holzrückern

 

Das Bergviertel bildete schon immer eine Hauptverkehrsachse für den Fuhrbetrieb im Eupener Land. Die Herbergen der Eifeler Fuhrleute waren auf dem Bergkapellplatz in den Wirtschaftshäusern „Zum rothen Hahn“ und „Im Stern“, vor welchen mitunter 20 oder mehr Karren ausgeschirrt standen. Noch in den 1830er Jahren bot der genannte Platz in der Woche ein buntes Bild, bei dem die zahlreich vertretenen Sackträger eine hervorragende Rolle spielten.

Da die tiefeingeschnittenen, mit Dornengestrüpp bewachsenen Gassen für Menschen selbst im Sommer unpassierbar waren, bahnten sich die Fuhrleute seitwärts von den Gassen auf der Höhe Fußwege, von welchen aus sie die Pferde zum Ziehen anspornen konnten. Die mit den Hohlgassen parallel laufenden Fußwege, wie wir sie heute noch finden, haben also eine uralte Bedeutung. Die an Gassen und Wegen gelegenen zahlreichen Wirtshäuser waren für die Fuhrleute ein wahres Bedürfnis. Dort fanden sie bei Unfällen oder bei Beschädigungen an ihren Gefährten stets die nötigen Ketten, Kordeln, Nägel usw. zum Reparieren. Außerdem hielten die an Bergen wohnenden Wirte Pferde zum Vorspannen bereit. Das Vorbeifahren des Fuhrmanns galt als Beleidigung.

Die Peitsche (de Schmeck) diente früher nicht allein zur Lenkung und Züchtigung des Pferdes, sondern auch als Signal. Durch ihren Knall kündigte der sich in einer Hohlgasse befindliche Fuhrmann seinem ihm entgegenkommenden Genossen an, dass er an der nächsten Ausweichstelle zu halten habe, damit die beiden Fuhren aneinander vorbeifahren konnten. Eine gute Peitsche galt dem Fuhrmann über alles: Peitschenschnüre waren ihm so wichtig wie das Zehrgeld. Das Knallen mit der Peitsche bildete ehemals einen Fuhrmannssport, und häufig sah man mehrere Fuhrleute auf öffentlicher Straße, gewöhnlich vor einem Wirtshaus, im Kreise von Zuschauern die Peitschen um die Wette schwingen.

Um 1900 wurde das Wörtchen „Zeit lassen“ noch groß geschrieben. Ein Fuhrmann, der eine Ladung Kohlen beispielsweise von der Oberstadt zur Haas bringen musste, ließ sich dafür ziemlich Zeit. Hatte er doch unterwegs seine „Haltestellen“, an denen er Pause machte, um ein „Dröppke“ (Schnäpschen) zu trinken und dabei seine Freunde zu begrüßen, während das Pferd die Wartezeit zur Stärkung mit Hafersack und Tränken verbrachte. War die oft lang ausgedehnte Rastpause für Fuhrmann und Pferd beendet, hob der Erstere die Stütze am „Baum“ hoch und – während der treue Spitz hoch oben auf der Ladung aufgeregt kläffend hin und her sprang – es wurde erst mal kräftig mit der „Schméck“ (Peitsche) geknallt, bevor die Fahrt weiter ging.

Zur großen Freude von uns Kindern gab es dann öfters, und besonders beim Zusammentreffen mehrerer Fuhrwerke, ein lustiges „um-die-Wette-knallen“ dieser sogenannten „Schmécken“. Es gab aber auch einige Fuhrunternehmen in unserem Städtchen, die einen solideren Dienst ausübten. Das galt im besonderen für den Personentransport (Firma Bosten in der Paveestraße und Firma Kreusch auf der Klötzerbahn) und für Warentransporte im Auftrage (Fa. Mostert, Raaf, Cremer, Schins und Plaire). Sie traten besonders bei schwierigen Transporten, wie Dampfkesselbeförderung, oder bei der Kirmes beim Transport von „Komiedewagels“ vom Bahnhof zum Kirmesplatz in Erscheinung.

Die PS der damaligen Zeit ließen auf den Straßen und Wegen unseres Städtchens ihre Spuren in Form von Pferdeäpfeln zurück. Der Pferdemist diente jedoch gewissermaßen einem guten Zweck. Um 1900 gab es in Eupen zahlreiche kinderreiche Familien, wo der Vater oft arbeitslos war. Diese Leute verdienten sich mit Pärdskötteleraape ein kleines Zubrot. Täglich zogen sie mit einem Wägelchen durch die Straßen und sammelten das von den Pferden hinterlassen Fallobst auf. Nicht nur Gärtnereien, die den Pferdemist zum Düngen verwendeten, waren Abnehmer dieses Rohstoffs, sondern auch Eisengießereien. Dort wurden die Rossäpfel mit dem Lehm vermischt, der zur Anfertigung der von Gussformen diente. In Öfen zum Trocknen ausgeglüht, wobei die strohigen Bestandteile verbrannten, entstand eine poröse Masse, die dann weiterverarbeitet werden konnte.

 

An der Pferdetränke in Tebaten konnten die Eifeler Fuhrleute ihre Zugtiere erfrischen, ehe diese zum Bergkapellplatz weiterzogen, um dort zu übernachten. Die Pferdetränke in Thebaten, unweit der Neustraße und des Rotenbergs, war das Rendez-vous der Tiere und ihrer Führer. Im Sommer wie im Winter herrschte hier reges Leben. Mensch und Tier ruhten aus, und wenn die Tiere ihren Durst stillten, taten die Fuhrleute dasselbe in dem an der Ecke der Neustraße gelegenen Restaurant. Die Pferdetränke war ein Werk des Eupener Bildhauers Stüttgen.

Zwei Steigungen bis zum Eupener Bahnhof

Im Hertogenwald gefällte Bäume mussten mit Hilfe von Pferden aus dem Wald und zur weiteren Verarbeitung zum Teil zum Bahnhof gebracht werden. In den ersten Nachmittagsstunden begann der Abtransport der auf Maß geschnittenen Holzstämme Richtung Güterbahnhof am Hook. Zwei zu zwei zogen die Holzrücker durch die Unterstadt bis zum Olengraben. Dort wurde ein Pferdepaar abgespannt und vor den anderen Karren gespannt. Vier Pferden zogen nun den schwer beladenen Holzwagen den Olengraben hinauf. In der Nähe der Pferdetränke wurde alles abgespannt, es ging zurück zum Fuße der Steigung und die gleiche Prozedur wiederholte sich mit dem zweiten Holztransport. Anschließend ging es paarweise durch die Innenstadt bis zur Kreuzung Gospert/Hook. Hier wiederholte sich das gleiche Szenario wie am Olengraben. In beiden Steigungen mussten die Kaltblüter kräftig arbeiten.

Die Schmiede Mathar auf der Judenstraße

Zum Beschlagen der Hufe mussten die Brabanter zur Schmiede auf der Judenstraße. Mathias Mathar führte dort sein Geschäft in alter Familientradition. An seinem schulfreien Mittwochnachmittag zog der Bub Gerd Cormann zeitig los mit den Pferden, damit er vor Einbruch der Dunkelheit wieder im elterlichen Haus im Mühlenweg zurück war. Gerd Cormann erinnert sich, dass die Brabanter vor allem vor den großen Linienbusen Angst hatten. Wenn er nicht aufpasste, scheute das Lasttier und hob sich samt seinem Begleiter auf die Hinterbeine. Was für Zuschauer eher amüsant war, konnte für den Jungen bedrohlich sein. Deshalb passte Gerd die Uhrzeiten so an, dass er dem Busverkehr in der Unterstadt aus dem Weg ging.

Aber auch das Pferdegeschirr musste ab und an zur Reparatur in die Schmiede. Vor allem wurden die Ketten bei der Rückearbeit stark in Mitleidenschaft gezogen. Jedes Glied der Kette muss an Ort und Stelle richtig passen, ansonsten könnte es bei der Arbeit für Mensch und Tier gefährlich werden. Das Geschirr wurde zu Fuß auf der Schulter zur Judenstraße getragen. Dies veranlasste Nachbar Kockse Hein zur schelmischen Frage: „Jong, es diich et Peerd ewäch geloupe?“